Die Osloer Straße ist heute wieder eine wichtige Ost-West-Verbindung in Berlin. Da passt es ins Bild, dass der Geschäftsführer des Vereins „Fabrik Osloer Straße“, Martin Beck, auf eine bewegte Ost-West-Biographie zurückblicken kann, wie man sie häufig im Wedding antrifft.
Nach einer Ausbildung und einem kurzen Intermezzo als Beamter beim Rentenversicherungsträger BfA begann Beck zu studieren. Zwei Jahre lang war er Schauspieler an der Freien Volksbühne. Das Studium schloss er schließlich in Politikwissenschaften ab – der Schwerpunkt Deutschlandpolitik lag bei ihm nahe. Die Mauer, in deren Schatten er aufgewachsen war, hat Beck als längerfristige Realität gesehen: „In diesem Jahrtausend habe ich nicht mehr mit dem Mauerfall gerechnet“ sagt Beck. Er brauchte Distanz und schlug sich als Deutschlehrer in Irland durch. Die Ereignisse im Herbst 1989 holten ihn wieder in seine Geburtsstadt zurück: „Dass ich ausgerechnet zum Zeitpunkt des Mauerfalls in Irland gelebt habe, ist für mich besonders tragisch“, ärgert sich Beck noch heute. Bald schon kehrte er nach Deutschland zurück – diesmal in den äußersten Osten. Martin Beck half, den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) in Frankfurt an der Oder aufzubauen: „Das war die spannendste Tätigkeit meines Lebens“, resümiert Beck, „aber Frankfurt ist mir soziokulturell immer fremd geblieben.“ Zurück in Berlin begann er 1993, sich bei den Grünen in der Weddinger Bezirkspolitik zu engagieren. „Ich bin ein Pragmatiker“, beschreibt Beck das Dilemma des Grünen-Politikers, der sich nicht zwischen den beiden Parteiflügeln („Realos“ und „Fundis“) entscheiden und trotzdem seinen Prinzipien treu bleiben möchte. Nach der Bezirksfusion begann Beck sich langsam aus der Bezirksverordnetenversammlung zurückzuziehen: „Ich fand es kräfteraubend – auch weil die Qualität der Bezirkspolitik nachließ.“ Als desillusioniert bezeichnet er sich heute dennoch nicht. Beruflich verschlug es ihn hingegen wieder in Richtung Osten, zum gemeinnützigen „Pfefferwerk e.V.“ in Prenzlauer Berg.
Beck sitzt in einem nahezu quadratischen Büro mit ein wenig Loftcharakter, das sich in einem Hinterhofgebäude der ehemaligen Maschinenfabrik Roller befindet, Heute kann man sich nur schwer vorstellen, in welchem desolaten Zustand die Fabrik Ende der 70er Jahre war. „Die Sanierung der Fabrik ist zwar weitestgehend beendet, aber es stehen noch große Arbeiten wie die Sanierung der Fenster an“, erklärt der Geschäftsführer. „Da die Fabrik nicht unter Denkmalschutz steht, kann die Sanierung ohne große Auflagen erfolgen.“ Zwei Blockheizkraftwerke – die ersten, die es vor zwölf Jahren in einem sozialen Projekt gab – tragen dazu bei, dass das Gebäude ökologisch verträglich bewirtschaftet wird. 2006 wurde dies mit der Auszeichnung als„Öko-Profit-Betrieb“ gewürdigt.
Schon früh hat Beck auch den Blick über den Tellerrand gewagt – zunächst als Student in Italien, wo er ein Semester lang lebte. „Die Italienisch- und die Englischkenntnisse frische ich gerade wieder auf“, erklärt Beck. Die Fremdsprachenkenntnisse wird er gut gebrauchen können. Eine Orientierung der Arbeit der Projekte in Richtung Ausland, zum Beispiel durch Jugendaustausch, hält der Geschäftsführer nämlich für besonders wichtig. In der Fabrik Osloer Straße scheint Beck seinem Ziel nahe gekommen zu sein: „Ich fühle an der richtigen Stelle in meinem Job, um mich für die Gruppen zu engagieren, für die ich mich immer engagieren wollte – die Benachteiligten der Gesellschaft.“
Die „Fabrik“ sieht Martin Beck auf einem guten Weg, wenngleich trotz der vielfältigen Mischung noch Vertreter bestimmter Branchen fehlen: „Ein Gewerbe, das zu uns passen würde, wäre eine EDV-Firma“, sagt Beck, „aber unser größtes Problem ist die fehlende Essensmöglichkeit.“ Aufgrund der fehlenden Kaufkraft im Kiez ist es bis jetzt noch nicht gelungen, einen dauerhaften Cafébetrieb zu etablieren.
Zu den vielen Rückschlägen in der bewegten Geschichte des Projekts „Fabrik Osloer Straße“ gehört auch, dass nach dem Mauerfall viele Fördergelder in den Ostteil Berlins flossen. Vielleicht ist es gerade deshalb so wichtig, dass jemand mit einem solchen Ost-West-Hintergrund an genau dieser Stelle arbeitet – an einer Verbindungsstraße zwischen Ost und West wie Martin Beck, der schließlich feststellt: „Es fällt sogar mir schwer, meinem 17-jährigen Stiefsohn zu erklären, warum die Wiedervereinigung für mich die Erfüllung eines Traums gewesen ist.“ Es bleibt also genug zu tun für Martin Beck.
Joachim Faust/Marcus Bauer
mehr Infos unter:
www.fabrik-osloer-strasse.de
www.nachbarschaftsetage.de