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Archiv für Oktober 2009

Wollankstraße, Einheit in Baustelle

In Uncategorized on 27. Oktober 2009 at 7:30

Die Wollankstraße hat zwanzig Jahre nach dem Mauerfall gebraucht, um endlich Wedding und Pankow zu vereinen: und zwar im Stau. Ein neuer Straßenbelag und neue Bürgersteige können jetzt kurzfristig, dem Konjunkturpaket sei Dank, auf der Pankower Seite erneuert werden. Chaos und Stau sind die Folge. Immerhin: den Tag der offenen Tür im BVG-Busbetriebshof kann man sich jetzt sparen. Auf der Wollankstraße stehen die Kleinen und Großen Gelben einträchtig und wie auf einer Perlenkette aneinandergereiht im Dauerstau. Da ist man zu Fuß schneller, sogar zwischen den Absperrgeländern und Sandhaufen der Baustelle. Und es bleibt mehr Zeit, über diese Hauptschlagader des Pankower Verkehrs nachzudenken, die noch vor zwanzig Jahren auf beiden Seiten eine absurde Sackgasse darstellte.

Fünf vor zwölf - der M 27 an der WollankstraßeNachtrag: die BVG reagiert ausgerechnet ab dem 9.11.(!)09 mit einer sehr kreativen Maßnahme: wie bis 1989 enden die Busse einfach vor der alten Sektorengrenze:

Pressemitteilung der BVG

Änderung der Buslinie M27 aufgrund von Straßenbauarbeiten

Aufgrund der Straßenbauarbeiten in der Wollankstraße und der Berliner Straße im Bezirk Pankow kommt es täglich zu großen Staubildungen in der Wollankstraße und den angrenzenden Straßen. Besonders davon betroffen ist die Buslinie M27 (S+U Jungfernheide <> S+ U Pankow), die erhebliche Verspätungen verzeichnet. Um eine Stabilisierung der Linie im nicht von den Baurarbeiten betroffenen Bereich zu erreichen, wird ab Montag, den 09.11.2009, folgende Maßnahme umgesetzt:

Die Linie M27 verkehrt ab dem 09.11.2009, montags-freitags von 07:11 Uhr bis 18:50 Uhr, (Abfahrtzeiten S+U Jungfernheide) nur bis zum S Wollankstraße.

Die Linie fährt von der Prinzenallee kommend über Soldiner Straße – Koloniestaße – Kühnemannstraße – Nordbahnstraße zur neu eingerichteten Haltestelle Nordbahnstraße vor Wollankstraße

Die Linie hält auf dem Umleitungsweg an folgenden Haltestellen der Linie 255:

* Prinzenallee / Soldiner Straße
* Soldiner Straße / Koloniestraße
* S Wollankstraße

Die Fahrten der Linie M27 vom S Wollankstraße zum S+U Jungfernheide verlaufen auf der planmäßigen Linienführung. Fahrgästen in Richtung S+U Pankow empfehlen wir, in die Linie 255 umzusteigen.

An allen betroffenen Haltestellen werden entsprechende Fahrgastinformationen veröffentlicht. Außerdem wird das Fahrpersonal an den betroffenen Punkten gesonderte Durchsagen machen.

Café Mirabelle: An der Grenze…

In Uncategorized on 27. Oktober 2009 at 7:22

An der Grenze zwischen Wedding und Pankow, am ehemaligen und noch immer sichtbaren Mauerstreifen, zwischen dem gutbürgerlichen Viertel am Park und einem der sozial schwächsten Kieze Berlins, versucht eine Gastronomin ein Familienrestaurant zu etablieren.

Großzügig an der Ecke gelegen....Das Restaurant Mirabelle hat gerade um die Mittagszeit geöffnet, da steckt eine Dame schon den Kopf durch die Tür: „Ich bin die 14 Personen“, ruft sie, „auch wenn es nicht so aussieht.“ Ingrid Kotthorst hat das Restaurant für ihre Wandergruppe junger Senioren als Zwischenstopp auf ihrer Panke-Wanderung fest eingeplant. „Ich laufe die Strecken immer schon vorher ab und habe dabei das Café entdeckt“, sagt die Mariendorferin. Derweil haben es sich die Wanderer an der langen Tafel im hinteren Bereich der „Mirabelle“ gemütlich gemacht.

„Ich habe mich inzwischen in die Räumlichkeiten verliebt“, sagt Jeannette Sonderhoff, die die „Mirabelle“ betreibt. Die 40-jährige Pankowerin bezeichnet sich als „Berlinerin in der dritten Generation“. Das soll man auch der Küche anmerken, findet Jeannette Sonderhoff. Dort finden sich alte Berliner Rezepte, neu aufbereitet, ebenso wie mediterrane Gerichte. Ein Tagesgericht inklusive Espresso gibt es neuerdings wochentags auch zum Festpreis von 5,50 €. Zum Kaffee aus einer italienischen Kaffeemaschine gibt es nur hausgebackene Kuchen.

Ursprünglich hat Jeannette Sonderhoff im Februar 2007 im Nachbarhaus angefangen. „Den Namen Mirabelle habe ich innerhalb weniger Stunden finden müssen, und da habe ich mich einfach auf meine Tochter Mira bezogen“, sagt die Gastronomin. Aus der ursprünglichen Idee eines Familiencafés hat sich beim Umzug in das benachbarte größere Ecklokal etwas Neues entwickelt:

...und ganz gemütlich von innen„Das hier ist heute ein gediegenes, offenes Familienrestaurant“, charakterisiert Jeannette Sonderhoff ihre Gaststätte. „Ein Zwanzigjähriger fühlt sich hier genau so wohl wie es meinen Eltern gefallen würde“, sagt sie und meint damit nicht nur den mit viel Liebe zum Detail gestalteten Gastraum. „Allein  mit zwanzig Wandfarben haben wir experimentiert“, erinnert sich Jeannette Sonderhoff – bis der heutige warme Farbton gefunden war, der das gemütliche Ambiente ausmacht. Dazu gehört für die Betreiberin auch die Klangkulisse: dass man in der „Mirabelle“ kein Radiogedudel hört, sondern eine sorgsam ausgewählte Musikmischung aus Jazz, Soul, 1950er-Jahre-Musik, ist daher kein Zufall. Überhaupt wird Wert auf Kommunikation gelegt: „Die Leute sollen mich und meine Kollegen gerne ansprechen“, beschreibt Jeannette Sonderhoff ihr Verständnis von Gastfreundlichkeit: „Man kann und man soll ruhig fragen!“

Das Restaurant liegt günstig an der Grenze zwischen Wedding und Pankow am Rand des Bürgerparks. Von innen und auch von der Terrasse aus genießt man einen Panoramablick auf ein grünes Rückhaltebecken und die Ausläufer des Parks. Doch diese Lage allein ist kein Garant für erfolgreiche Gastronomie. Dass schon einige Vorgänger an diesem Standort gescheitert sind, schreckt die Pankower Gastronomin nicht ab. „Hier kommen keine Busladungen mit Touristen und wenig Laufkundschaft“, weiß Jeannette Sonderhoff aus eigener Erfahrung. „Statt dessen muss man Beständigkeit an Qualität und Vielfalt bieten.“ Dann, davon ist sie überzeugt, wenn die Gäste an diesem Ort angeregt werden, kommen sie wieder und schätzen die warme Atmosphäre dieses Ortes jedes Mal aufs Neue.

Die Wandergruppe ist jedenfalls froh, auf halber Strecke eingekehrt zu sein. An der langen Tafel wird sicher noch lange geplaudert und gelacht.

Geöffnet Mo-Fr ab 12.00, Sa/So ab 10.00 Uhr. Sonntags Brunch. Reservierung empfohlen.

Internet: www.cafe-mirabelle.com


An einem Sonntag in Pankow

In Uncategorized on 20. Oktober 2009 at 8:25

Es ist noch nicht zu spät

0-PT-090918-Suedpanke002Als wir vier Minuten zu spät am Pankower Garbaty-Platz eintreffen, steht schon eine kleine Gruppe von Interessierten um Martin Riewestahl. Der wortgewandte Stadtführer mit Hut, der uns an diesem  Sonntag seinen Heimatkiez vorstellt, erklärt gerade von den jahrzehntelangen krampfhaften  Bemühungen um eine Verschönerung des Vorplatzes vom S-Bahnhof Pankow. Potenzial wäre da, sicherlich, alleine mit der Umsetzung tut man sich schwer.
Einige Meter weiter dasselbe Bild: Aus den Wandabsätzen einer ehemaligen Zigarettenfabrik von beeindruckender Größe wachsen Bäume und verdecken eingeworfene Fensterscheiben und abgebröckelten Putz. Die vergoldeten Fassaden-Einlagen, die uns Martin auf alten Postkarten zeigt, erzählen von einer Zeit, als der Fabrikbesitzer Garbaty über 500 Menschen beschäftigte und ihnen Sozialprogramme bot, die ihrer Zeit weit voraus waren. Kurz nach der Wende – das in der DDR zum VEB Berliner Zigarettenfabriken verstaatlichte Unternehmen war bereits an die US-amerikanische Reynolds-Gruppe verkauft worden – künden die  Kamele der Camel-Zigarettenmarke von der Durststrecke, die vor der gewaltigen Industriebrache liegen würde. Auch hier gab es bereits viele Ideen für eine Nachnutzung, alleine die Umsetzung…

Pankower –  fast von Geburt an

Weit besser stellt sich die Situation für das gleich um die Ecke gelegene Krankenhaus Mariä Heimsuchung dar. Schon zu „Ost-Zeiten“ hatte die Klinik einen hervorragenden Ruf als Geburtsklinik und trotz sinkender Geburtenrate konnte die Entbindungsquote bis heute kontinuierlich gesteigert werden. Als er erzählt, dass er selbst – der Ur-Pankower – in Kaulsdorf zur Welt kam, wirkt Martin fast etwas beleidigt. Gerade diese emotionalen Erinnerungen an seine Kindheit, machen den Rundgang mit dem 28-jährigen „Stadtbilderklärer“ (so nannte man die Touristen-Führer in der DDR) zu einem besonderen Erlebnis. Gekonnt spannt er den Bogen von der Kindheit im Arbeiter- und Bauernstaat zu den Chancen und Herausforderungen der Neuzeit. Schöne Erinnerungen mischen sich mit kritischem Rückblick: Der Balkon der Freundin mit Ausblick auf den FKK-Bereich des Pankower Freibads; dem Ort, in dem er bereits als kleines Kind im Sportleistungsprogramm seine Schwimmausbildung absolvieren durfte – musste. Dass nach der Wende der Pankower Polizei das Freibad kostenfrei als Betriebssportgelände zur Verfügung gestellt wurde, um Besucherkonflikten zwischen Alt-Eingesessenen und „West-Besuchern“ elegant die Spannung zu nehmen, solche Anekdoten liest man sich nicht an, die hat man miterlebt. Sie sind Leitlinie und Schwungrad für die vielen Fakten, die Martin selbstverständlich auch beherrscht – die aber nie trocken runtergeleiert werden. „Ich bin Perfektionist, leider“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Heimatkunde ist sein Hobby und wenn doch eine Frage unbeantwortet bleibt, so spürt man, dass dies nur einen Ansporn für weitere Recherchen darstellt.

Keine Tour für Busladungen von Touristen

Der durch die Panke stakende Graureiher im Park neben dem Schloss ist eben keine Attraktion für eilige Bus-Reisegruppen. Ob die erwarteten Besuchermassen des Niederschönhausener Schlosses für detaillierte Einblicke in den Mini-Kosmos „Kiez“ zu begeistern sind, bleibt abzuwarten. Werden sie erfahren, dass der verfallende Betonklotz auf dem geplanten Busparkplatz einst Teil des Staats-Gästehauses der DDR war, und zudem ein einmaliges Beispiel für Stahlbeton-Architektur darstellt? Vermutlich wird solchen „Nebensächlichkeiten“ zwischen touristischen Highlights wie Schlosspark und Majakowski-Ring – ehemals abgeriegelte „heile Welt“ der Bonzen und Mächtigen der Ost-Berliner Republik – nur wenig Platz eingeräumt werden. Andererseits macht gerade das den Reiz der zweistündigen Tour aus – sie macht aufmerksam auf das Besondere im Unscheinbaren. Spaziergänge kann man nicht mit dem Bus machen, und einen Martin mit Mikrofon mag man sich auch nicht so richtig vorstellen. Denn ob er dann zum Abschluss noch zum Kaffee ins versteckt gelegene Frühstückslokal mitkäme….

Wer erfahren möchte wie die Florastrasse zu ihrem blumigen Namen kam, wo sich in Pankow die vier Temperamente auf engstem Raum wieder finden und warum Lotte Ulbricht ihr Haus verlassen musste: panke.info bietet regelmäßig Stadtführungen in den Kiezen rechts und links des letzten Nebenflusses der Spree an.

Autor: Marcus Bauer