Die Wollankstraße hat zwanzig Jahre nach dem Mauerfall gebraucht, um endlich Wedding und Pankow zu vereinen: und zwar im Stau. Ein neuer Straßenbelag und neue Bürgersteige können jetzt kurzfristig, dem Konjunkturpaket sei Dank, auf der Pankower Seite erneuert werden. Chaos und Stau sind die Folge. Immerhin: den Tag der offenen Tür im BVG-Busbetriebshof kann man sich jetzt sparen. Auf der Wollankstraße stehen die Kleinen und Großen Gelben einträchtig und wie auf einer Perlenkette aneinandergereiht im Dauerstau. Da ist man zu Fuß schneller, sogar zwischen den Absperrgeländern und Sandhaufen der Baustelle. Und es bleibt mehr Zeit, über diese Hauptschlagader des Pankower Verkehrs nachzudenken, die noch vor zwanzig Jahren auf beiden Seiten eine absurde Sackgasse darstellte.
Nachtrag: die BVG reagiert ausgerechnet ab dem 9.11.(!)09 mit einer sehr kreativen Maßnahme: wie bis 1989 enden die Busse einfach vor der alten Sektorengrenze:
Pressemitteilung der BVG
Änderung der Buslinie M27 aufgrund von Straßenbauarbeiten
Aufgrund der Straßenbauarbeiten in der Wollankstraße und der Berliner Straße im Bezirk Pankow kommt es täglich zu großen Staubildungen in der Wollankstraße und den angrenzenden Straßen. Besonders davon betroffen ist die Buslinie M27 (S+U Jungfernheide <> S+ U Pankow), die erhebliche Verspätungen verzeichnet. Um eine Stabilisierung der Linie im nicht von den Baurarbeiten betroffenen Bereich zu erreichen, wird ab Montag, den 09.11.2009, folgende Maßnahme umgesetzt:
Die Linie M27 verkehrt ab dem 09.11.2009, montags-freitags von 07:11 Uhr bis 18:50 Uhr, (Abfahrtzeiten S+U Jungfernheide) nur bis zum S Wollankstraße.
Die Linie fährt von der Prinzenallee kommend über Soldiner Straße – Koloniestaße – Kühnemannstraße – Nordbahnstraße zur neu eingerichteten Haltestelle Nordbahnstraße vor Wollankstraße
Die Linie hält auf dem Umleitungsweg an folgenden Haltestellen der Linie 255:
* Prinzenallee / Soldiner Straße
* Soldiner Straße / Koloniestraße
* S Wollankstraße
Die Fahrten der Linie M27 vom S Wollankstraße zum S+U Jungfernheide verlaufen auf der planmäßigen Linienführung. Fahrgästen in Richtung S+U Pankow empfehlen wir, in die Linie 255 umzusteigen.
An allen betroffenen Haltestellen werden entsprechende Fahrgastinformationen veröffentlicht. Außerdem wird das Fahrpersonal an den betroffenen Punkten gesonderte Durchsagen machen.
Das Restaurant Mirabelle hat gerade um die Mittagszeit geöffnet, da steckt eine Dame schon den Kopf durch die Tür: „Ich bin die 14 Personen“, ruft sie, „auch wenn es nicht so aussieht.“ Ingrid Kotthorst hat das Restaurant für ihre Wandergruppe junger Senioren als Zwischenstopp auf ihrer Panke-Wanderung fest eingeplant. „Ich laufe die Strecken immer schon vorher ab und habe dabei das Café entdeckt“, sagt die Mariendorferin. Derweil haben es sich die Wanderer an der langen Tafel im hinteren Bereich der „Mirabelle“ gemütlich gemacht.
„Das hier ist heute ein gediegenes, offenes Familienrestaurant“, charakterisiert Jeannette Sonderhoff ihre Gaststätte. „Ein Zwanzigjähriger fühlt sich hier genau so wohl wie es meinen Eltern gefallen würde“, sagt sie und meint damit nicht nur den mit viel Liebe zum Detail gestalteten Gastraum. „Allein mit zwanzig Wandfarben haben wir experimentiert“, erinnert sich Jeannette Sonderhoff – bis der heutige warme Farbton gefunden war, der das gemütliche Ambiente ausmacht. Dazu gehört für die Betreiberin auch die Klangkulisse: dass man in der „Mirabelle“ kein Radiogedudel hört, sondern eine sorgsam ausgewählte Musikmischung aus Jazz, Soul, 1950er-Jahre-Musik, ist daher kein Zufall. Überhaupt wird Wert auf Kommunikation gelegt: „Die Leute sollen mich und meine Kollegen gerne ansprechen“, beschreibt Jeannette Sonderhoff ihr Verständnis von Gastfreundlichkeit: „Man kann und man soll ruhig fragen!“
Als wir vier Minuten zu spät am Pankower Garbaty-Platz eintreffen, steht schon eine kleine Gruppe von Interessierten um Martin Riewestahl. Der wortgewandte Stadtführer mit Hut, der uns an diesem Sonntag seinen Heimatkiez vorstellt, erklärt gerade von den jahrzehntelangen krampfhaften Bemühungen um eine Verschönerung des Vorplatzes vom S-Bahnhof Pankow. Potenzial wäre da, sicherlich, alleine mit der Umsetzung tut man sich schwer.
Weit besser stellt sich die Situation für das gleich um die Ecke gelegene Krankenhaus Mariä Heimsuchung dar. Schon zu „Ost-Zeiten“ hatte die Klinik einen hervorragenden Ruf als Geburtsklinik und trotz sinkender Geburtenrate konnte die Entbindungsquote bis heute kontinuierlich gesteigert werden. Als er erzählt, dass er selbst – der Ur-Pankower – in Kaulsdorf zur Welt kam, wirkt Martin fast etwas beleidigt. Gerade diese emotionalen Erinnerungen an seine Kindheit, machen den Rundgang mit dem 28-jährigen „Stadtbilderklärer“ (so nannte man die Touristen-Führer in der DDR) zu einem besonderen Erlebnis. Gekonnt spannt er den Bogen von der Kindheit im Arbeiter- und Bauernstaat zu den Chancen und Herausforderungen der Neuzeit. Schöne Erinnerungen mischen sich mit kritischem Rückblick: Der Balkon der Freundin mit Ausblick auf den FKK-Bereich des Pankower Freibads; dem Ort, in dem er bereits als kleines Kind im Sportleistungsprogramm seine Schwimmausbildung absolvieren durfte – musste. Dass nach der Wende der Pankower Polizei das Freibad kostenfrei als Betriebssportgelände zur Verfügung gestellt wurde, um Besucherkonflikten zwischen Alt-Eingesessenen und „West-Besuchern“ elegant die Spannung zu nehmen, solche Anekdoten liest man sich nicht an, die hat man miterlebt. Sie sind Leitlinie und Schwungrad für die vielen Fakten, die Martin selbstverständlich auch beherrscht – die aber nie trocken runtergeleiert werden. „Ich bin Perfektionist, leider“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Heimatkunde ist sein Hobby und wenn doch eine Frage unbeantwortet bleibt, so spürt man, dass dies nur einen Ansporn für weitere Recherchen darstellt.