Pankow lag in West-Berlin

Ich wohne jetzt seit bald vier Jahren in einem Viertel, das nur aus vier Straßenblöcken besteht. Bekannt ist es allenfalls als Gegend, durch die man hindurchfährt, auch wenn dies erst seit dem Mauerfall richtig möglich ist. Die Rede ist von dem Viertel zwischen der Wollankstraße (Berlin-Mitte und Pankow), dem Flüsschen Panke und der Nordbahn (heute S-Bahn-Linien 1, 25 und 85). Es gehört seit 1938 zum Berliner Bezirk Wedding und heute, man glaubt’s kaum, sogar zu Mitte. Als die Häuser um 1900 herum erbaut wurden, gehörten die Straßen jedoch zur Landgemeinde Pankow, die an der Wollankstraße (ja, auch Herr Wollank war Pankower) ein neues Wohngebiet erschließen ließ. Noch heute heißen zwei Straßen des Viertels nach Pankower Bürgermeistern. Die Häuser sind eine Spur vorstädtischer und auch bürgerlicher als im Rest von Wedding und Gesundbrunnen. Zwar wurde das Viertel wie gesagt in den dreißiger Jahren dem Wedding zugeteilt, wahrscheinlich damit die Bezirksgrenze in der S-Bahn-Trasse lag, aber in zwei Teile gerissen wurde der Kiez erst durch den Mauerbau. Die knapp dreißig Jahre der Teilung haben die Bindungen zwischen den südlich und nördlich der S-Bahn liegenden Teilen des Nordbahnviertels abrupt gekappt. Daran hat sich auch nichts geändert, seit der S-Bahnhof Wollankstraße nicht nur vom Westen aus zugänglich ist und wieder beide Teile des Viertels ans Schnellbahnnetz anbindet. Auch wenn es mehrere Durchlässe unter dem S-Bahn-Viadukt gibt, scheinen die Bewohner des in Pankow liegenden Gebiets nichts mit den Bewohnern des in Mitte liegenden Gebiets zu tun haben zu wollen. Hier ist auch noch 18 Jahre nach dem Mauerfall nichts zusammengewachsen. Die Bevölkerungsstrukturen der beiden Gebiete haben sich in den Jahren der Teilung zu sehr auseinander entwickelt. Das ist sehr bedauerlich, könnten beide Viertel doch längst wieder als ein einheitlicher Kiez erscheinen. Der Krieg hat hier viel weniger Lücken gerissen als anderswo, eher hat der Grenzstreifen an der Mauer dem Viertel eine bis heute nicht wieder geschlossene Wunde zugefügt. Dabei gibt es noch heute viel Gemeinsames: die Panke fließt unbeeindruckt von den Befindlichkeiten der Anwohner von Pankow nach Mitte, und sogar die evangelische Kirchengemeinde auf Weddinger Seite hatte bis 2007 “Pankow-West” im Namen! Es wäre schön, wenn sich die Bürger auf beiden Seiten des S-Bahnhofs Wollankstraße wieder zusammenfänden. Es gibt noch nicht einmal einen  heute noch gebräuchlichen Namen für das zerrissene Viertel – wie wäre es mit Wollankkiez?

Nordbahn-/Ecke Sternstraße

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