Das Kino zum Abheben

Der KinosaalEndlich! Das erste spirituelle Kino Berlins. An einem wahrhaft gesegneten Ort. Freude!“ schreibt ein Besucher des „Kino und Café am Ufer“ ins Gästebuch. Die einstmals schummrige Kneipe mit einem großen Fenster zur Ecke Uferstraße/Martin-Opitz-Straße in Berlin-Wedding erstrahlt nach der Renovierung in hellen, warmen Farbtönen. In das dem Cafébereich angeschlossene Kino passen etwa 40 Besucher, die das spezialisierte Filmprogramm zu schätzen wissen: „Schweben wollte ich, das tue ich, seit ich das Kino am Ufer betreten habe“ – so ein weiterer Eintrag im Gästebuch.

Der Kinosaal„Wir können kein normales Filmkunstkino machen“, erklärt Kraft Wetzel, der das Kino und Café direkt am Panke-Ufer zusammen mit seiner Geschäfts- und Lebenspartnerin Usch Schmitz betreibt. Im Wedding gebe es ebenso wenig ein bildungsbürgerliches wie ein studentisches Publikum, das groß genug wäre, um ein Alternativkino zu betreiben. „Uns war klar“, so der 55-jährige Diplom-Politologe und frühere Filmjournalist, „dass ein Kino an diesem Ort nur dann eine Chance hat, wenn es etwas Einmaliges in dieser Stadt bietet.“ So stellten sich die beiden Betreiber nicht nur die Frage, ob es genug Filme gibt, um ein solches Spezialkino zu betreiben. Entscheidend war auch, ob es genügend Leute geben würde, die der Filme wegen in den Wedding kommen. „Beide Fragen kann man mit ja beantworten“, sagt Wetzel stolz und stellt fest, dass das Kino seit der Eröffnung im Januar 2007 kontinuierlich wächst. Was spirituelles Kino genau ist, mussten Schmitz und Wetzel dafür erst definieren: „Auf keinen Fall esoterisch“, so der gebürtige Württemberger Wetzel, der den Begriff „esoterisch“ als ausgrenzend empfindet. Zumal es auch die etablierten Religionen und Richtungen, die nie eine Religion werden wollten, zu einem filmischen und ästhetischen Ausdruck gebracht haben, der seinen Platz im breit gefächerten Kinoprogramm findet. Dieses reicht beispielsweise im März 2008 vom „1. Evangelium des Matthäus“ von Pasolini bis hin zu einer Dokumentation des Auftritts von Eugen Drewermann auf dem Evangelischen Kirchentag 2007.

Kino und Café am Ufer der PankeUsch Schmitz ist im Kino und Café am Ufer für die Organisation und Gestaltung zuständig. Die 45-Jährige ist Islamwissenschaftlerin und Verlagskauffrau. Sie hat sich ihr Leben lang für Sinnsuche interessiert und schließlich den Buddhismus für sich entdeckt. Vor zehn Jahren bei einem Panke-Spaziergang hat Usch Schmitz das Haus Uferstraße 12 gesehen und kurz darauf eine Wohnung darin gemietet. „Ich habe nun mal ein Faible für Wasser“, sagt Schmitz, „und dass ich hier meinen Traum am Ufer realisieren könnte, hätte ich noch vor kurzem nicht für möglich gehalten.“ Den Laden mieteten sie und ihr Partner kurz entschlossen, nachdem die Hausgemeinschaft den letzten Kneipenbetreiber vertrieben hatte. Waffen- und Autohandel, sogar ein illegales Bordell waren der Hausgemeinschaft schon lange ein Dorn im Auge, als alle wegen eines Wohnungsbrandes im Oktober 2006 für zwei Monate ausziehen mussten. Ein größerer Kontrast als ein spirituelles Kino ist an einem Ort mit dieser Vergangenheit jedenfalls kaum denkbar.

Usch Schmitz und Kraft WetzelIm September 2008 findet nun schon zum dritten Mal ein „Festival des spirituellen Films“ statt. Die Veranstaltungsreihe mit zehn Filmen wird aber dank lokaler Partner auch exportiert: schon zum zweiten Mal nach Köln und erstmals auch nach Hamburg und Freiburg. Kraft Wetzel sieht sich aber nicht nur als Pionier des „spirituellen Kinos“, sondern auch des Spezialkinos überhaupt: „Wir zeigen, dass eine spezielle Ausrichtung auf Low-Budget-Niveau funktionieren kann. Damit öffnen wir Tür und Tor für Myriaden hochspezialisierter Kleinkinos“. Damit hat der Filmkenner Wetzel ein kühnes Projekt realisiert. Dies war ihm wichtig, nachdem er zwanzig Jahre lang als Film- und Fernsehjournalist nur das Schaffen Anderer kommentiert hat. „Ich war bloß Begleitgeräusch derer, die etwas machen“, so empfand Wetzel seine damalige Tätigkeit. „Hier im Wedding, wo man es am wenigsten erwartet, kann ich aber die Quadratur des Kreises versuchen.“ Immerhin handelt es sich beim Kino und Café am Ufer heute um ein Unternehmen, an dem bis zu zehn Personen mit arbeiten. Die Etablierung eines ganz besonderen Ortes an der Panke dürfte gelungen sein, wie ein weiterer Eintrag ins Gästebuch zeigt: „Wie immer war es für Herz und Seele eine Bereicherung!“

Das Programm findet man unter www.kino-am-ufer.de

Uferstraße 12, Berlin-Wedding, Tel. 46 50 71 39

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