Beziehungen mit und auf dem Wedding

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Im März 2009 ist nach mehr als einjähriger Pause die zweite Ausgabe des Magazins „Der Wedding“ erschienen. Hat sich das Warten gelohnt?

An der lieben Verwandtschaft kann man sich die Zähne ausbeißen. Trotzdem hat sich die Redaktion des Magazins „Der Wedding“ für die zweite Ausgabe diesem Thema gestellt. Zwar ist aus dem Kulturmagazin, das „Der Wedding“ anfangs sein wollte, ein „Magazin für Alltagskultur“ geworden, aber es ist auch diesmal wieder die Leistung der Redakteure gewesen, das Besondere im Unscheinbaren zu finden. Im Wedding hat die Redaktion natürlich genügend Themen direkt vor der Haustür gefunden. Diese bringen erstaunliche Geschichten hervor, wenn man nur ein wenig an der rauen Oberfläche kratzt.

Das Erscheinungsbild der zweiten Ausgabe ist, angefangen beim spiegelverkehrten Titelschriftzug, immer noch ausgefallen, drängt sich aber weniger auf als es bei der Premierennummer der Fall war. ImVergleich zur ersten Ausgabe sind Schriften und Layout weniger überdreht und wirken dadurch organisch gewachsen und ein bisschen unansehnlich wie der in die Jahre gekommene Stadtteil, der Dreh-und Angelpunkt des Magazins ist.

Erstaunlich ist für mich, wie sensibel und facettenreich das an sich nichts sagende Thema Verwandtschaft in „Der Wedding“ ausgeleuchtet wird. Auf den ersten Blick liegt es auf der Hand, dass „die Familie“ bei Weddinger Migranten einen anderen Stellenwert als bei Deutschen genießt.  Aber es geht noch mehr: geistreiche Gedanken zum Generationenvertrag kommen ebenso vor wie die ironischen Betrachtungen zu Weddings Partnerstädten. Die Fotostrecken sind wie gewohnt sehr ausladend und bilden dadurch die Realität in einem materiell armen, aber an menschlichen Regungen reichen Stadtteil glaubwürdig ab. Sogar fotografische Einblicke in ein Pflegeheim werden gewährt.  Die Erstausgabe vom Februar 2008 wirkt gegen den zweiten „Der Wedding“ experimenteller, aber auch noch wesentlich unreifer. Es hat sich wirklich  gelohnt, einen starken thematischen Schwerpunkt zu setzen, der nicht nur die Hülle für ästhetische Spielereien sein will. Die „Verwandtschaft“ bietet erheblich mehr Stoff als im vorhinein erwartet werden konnte, wenn beispielsweise in einem sozialpolitischen Artikel die „Zwangsheirat“ von Wedding und Mitte beleuchtet und im Fazit dann gar als Scheinehe bezeichnet wird. Das klingt erst einmal ein wenig an den Haaren herbeigezogen – aber stimmt es denn etwa nicht?

Auf die nächste Ausgabe darf man jetzt wirklich gespannt sein. Bleibt zu hoffen, dass die Macher von „Der Wedding“ dann auf den Untertitel mit der Alltagskultur verzichten und sich kein Etikett mehr anheften.

Mal sehen, ob auch in anderen Stadtteilen Berlins ein solches Magazin gekauft wird. Trotz des Weddinger Lokalkolorits bildet das Heft nämlich so viel ab, was allgemein Gültigkeit hat und bundesdeutsche Realität ausmacht.


„Der Wedding“ Nummer 2, Preis 5 €, Verkaufsstellen siehe hier.

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