Nicht irgendein Projekt: Panke 2015

Nur wegen des guten Caterings war sicher niemand gekommen. Rohkost in Dips zu tunken, ist die eine Sache. Aber wenn man in einigen Jahren auch die Füße in eine saubere Panke stecken könnte? Am Abend des 24.11.2009 stand nämlich die naturnahe Gestaltung dieses Flusses im Mittelpunkt des Interesses.

Für den 4. „Tag der Panke“ bot der Ratssaal des Rathauses Pankow erneut den Rahmen. Neben den zahlreichen Experten sind diesmal auch viele Bürger gekommen, um sich über die unmittelbar bevorstehenden Baumaßnahmen zu informieren. Diese einzubinden, ist ein wichtiges Ziel dieser Veranstaltung. Die Wasserrahmenrichtlinie der EU fordert eben nicht nur den guten ökologischen Zustand der Gewässer, sondern auch eine angemessene Einbindung der Öffentlichkeit.

An diesem Abend wurde die Chance genutzt, die vorhandene Basis der Zusammenarbeit zwischen Bürgern, Verbänden, Vereinen und den Behörden auszubauen. Nur im Einvernehmen mit den engagierten Anwohnern können die vielfältigen Aufgaben, die sich bei der Panke stellen, gelöst werden. Dabei sollen die Bürger auch in die Lage versetzt werden, Eigenverantwortung für ihren Fluss zu übernehmen. „Das Ökosystem Panke soll auch nach Abschluss der Bauarbeiten bewahrt werden“, sagt Ralf Hertsch von panke.info e.V. „Es gibt noch viele Unwägbarkeiten, wie der Vermüllung entgegengewirkt werden kann, wenn sich die Fließgeschwindigkeit der Panke verlangsamt“, meint er. Nach Abschluss der Bauarbeiten wird es – anders als heute – notwendig sein, Bachpatenschaften zu übernehmen und den naturnahen Fluss im städtischen Umfeld zu begleiten. Die Beobachtung der umgestalteten Panke durch die Bevölkerung und eine gute Zusammenarbeit mit den zuständigen Behörden sollte für die Anwohner Ehrensache sein.

Auch die „Berliner Morgenpost“ und die „Welt“ fassen die Revolution, die da von der Senatsumweltverwaltung und dem brandenburgischen Äquivalent geplant wird, in einem sehr umfassenden Artikel treffend zusammen:

„Wie die Panke zum Ökoparadies werden soll

Montag, 30. November 2009   – Von Uta Keseling

„Stinkepanke“ wurde sie im 19. Jahrhundert getauft, als Industrie und die schnell wachsenden Wohnviertel aus dem Fluss eine Kloake machten. Und auch heute noch ist die Panke nur ein trübes Rinnsaal. Doch Berlin hat große Pläne mit dem geschichtsträchtigen Gewässer.
Zukunftsvision der Panke-Planer: ein kleines Ökoidyll für Mensch und Natur östlich des Schlossparks Pankow
Foto: Simulation SenGesUmV
Zukunftsvision der Panke-Planer: ein kleines Ökoidyll für Mensch und Natur östlich des Schlossparks Pankow

Im Grunde ist es ein Wunder, dass sie noch da ist. Die Panke, Berlins Drittfluss neben Spree und Havel, hat über die Jahrhunderte viel zu leiden gehabt. Zwar ist er Namensgeber des heute einwohnerreichsten Bezirks der Hauptstadt, Pankow, doch schon seit Jahrhunderten beklagen die Berliner seine Abwesenheit.

Schon 1704 war der Flusslauf von Pankow-Schönhausen bis zum heutigen Humboldthafen kanalisiert worden – weil Königin Sophie Charlotte zwischen den Schlössern Schönhausen, Monbijou, Charlottenburg und Berlin Kahnfahrten unternehmen wollte – ohne lästige Kurven. 150 Jahre später meckerte der Berliner „Telegraf“ über die Panke: „Ihr ehemals anmutiges Tal wurde förmlich mit hässlichen Mietskasernen zugedeckt. Von der Natur blieb nichts mehr übrig.“
Panke

Berühmt ist die Panke heute vor allem wegen der legendären Beschimpfungen. „Stinkepanke“ wurde sie im 19. Jahrhundert getauft, als Industrie und die schnell wachsenden Wohnviertel aus dem Fluss eine Kloake machten. In den 1920er-Jahren lästerte die Sängerin Claire Waldorff: „Und steh‘ am Ufer ick der Panke/ möchte jleich ick wieder Leine ziehn/ ei dem Jestanke/ na, ick danke!“ 1927 wurde das Baden im Pankower Bürgerpark verboten, aus hygienischen Gründen.
Natur statt „Stinkepanke“

Und jetzt sollen Fische hier wohnen? Libellen, Eisvögel, Fischotter und Biber? So sieht es der Plan vor, den die Senatsumweltverwaltung jetzt vorgestellt hat. Seit 2003 haben Experten erforscht, wie aus der Stinkepanke wieder Natur werden kann, die, zu 80 Prozent verrohrt und wegbetoniert, von Bernau über 29 Kilometer nach Berlin-Mitte fließt. Im Wedding warnt ein Schild vor dem Fluss: „Betreten verboten! Lebensgefahr!“. Darunter steht die Panke still und stinkend in ihrem Schacht. Zwar ist der Fluss heute nicht mehr vergiftet, baden würde trotzdem niemand darin. Ein Ökoparadies sieht anders aus.

„Ob Otter je im Wedding heimisch werden, ist natürlich die Frage“, sagt die Panke-Expertin Andrea Wolter. Selbst sie muss bei dem Gedanken lächeln. Auf ihrem Bildschirm in der Senatsumweltverwaltung plätschert unverdrossen ein virtuelles Rinnsaal unter grünen Bäumen dahin: Zukunftsmusik. Andrea Wolter ist überzeugt, dass die Panke bald wirklich wieder zum Lebensraum wird, zumindest für Muscheln, Fische und Insekten. „Und am Nordrand Berlins gibt es Eisvögel und Otter heute schon“, sagt die Sprecherin des ehrgeizigen Projekts „Panke 2015“. Wolter und ihre Kollegen werben zurzeit mit Veranstaltungen und einer Broschüre dafür.

Sogar ein Computerspiel gibt es: „Gerade war gestern“ (im Internet) richtet sich an „Menschen ab 10 Jahren“. Vor allem Schüler sollen erfahren, warum die Renaturierung der Gewässer dringend notwendig ist und wie das in einer dicht bewohnten Großstadt wie Berlin funktionieren kann. Kernstück des Projektes „Panke 2015“ ist das monumentale „Maßnahmenpaket“ von 300 Seiten, das aussieht, als solle es mindestens einer globalen Katastrophe Einhalt bieten. Erarbeitet wurde das so umfangreiche Konzept von April 2008 bis März 2009.

Den Anstoß, ein besonderes Augenmerk auf die Sauberkeit auch von Berlins Gewässern zu legen, hat die so genannte Wasserrahmenrichtlinie der EU gegeben, die bereits im Dezember 2000 in Kraft trat. Diese gibt jedoch natürlich nur den Rahmen vor, wie in Europa die Wasserressourcen verbessert und dauerhaft gesichert werden sollen. „Panke 2015“ ist das erste gemeinsame Projekt der Länder Berlin und Brandenburg zur Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie.

Die Weltrettung an der Panke beginnt ganz unten und im ganz Kleinen. Mit Schlammfliegenlarven und Grundwanzen. Mit Erlen-Anpflanzungen, neuen Sand- und Kiesbänken. Wehre müssten aufgehoben und der Panke streckenweise ein neues Bett bereitet werden. „Rauschen“ sollen entstehen, wie die Ökologen lyrisch jene Stellen mit Gefälle nennen, an denen Forelle und Bachneunauge wohnen könnten. Und irgendwann wären dann auch die Familien Otter und Biber wieder da. Es klingt fast, als müssen die Stadt wieder abgerissen werden, um die Panke zu befreien.

Um zu erklären, wie es anders gehen kann, luden die Panke-Planer jüngst zum 4. „Tag der Panke“ ins Rathaus Pankow. Der Saal war voll, 150 Neugierige kamen. Naturschützer, Bauherren, vor allem aber Anwohner, die begierig waren zu hören, wann, wie und wo „ihr“ Fluss endlich wieder auftaucht. Die Experten brachten Bilder und Tabellen und digitale Visionen mit und erzählten die Geschichte der Panke in Kapiteln. Von der Eiszeit bis übermorgen. Flüsse transportieren ja seit jeher mehr als nur Wasser. Und die Panke transportiert, wenn man so will, eindeutig mehr Geschichte, als sie Wasser haben wird.
Der Lauf des versteckten Flusses

Dass die Panke darüber hinaus eine Berlinerin sein muss, leuchtet ein. Allein schon deshalb, weil das Rinnsaal gar keine Quelle hat, dafür aber gleich zwei Mündungen. „Am Schiffbauerdamm zwee fließt die Panke in die Spree“, reimt der Volkmund bis heute, auch wenn sie seit 1956 in Rohren zum Nordhafen fließt, wo sie heute offiziell mündet. Die „Südpanke“ führt nur noch Regenwasser, manchmal.

Die Panke, doppelmündig und großspurig: Auch ihr Name ist ganz nach Berliner Art. Das slawische Wort bedeutet „strudelnder Fluss“. Das mag ihren Anfängen geschuldet sein, als vor ungefähr 12.000 Jahren mit dem Raunen der Eiszeit eine Schmelzwasserrinnsaal Richtung „Berlin“ floss. Bis heute liegen immerhin 40 Höhenmeter Unterschied zwischen Anfang und Ende des Flusses.

Heute sammelt sich die Panke in den sumpfigen Wiesen bei Bernau im schönen Naturpark Barnim. Auf dem ausgeschilderten Pankeweg lässt sich per Rad oder zu Fuß das Flüsschen bewundern, wie es sein soll. Murmelnd, fließend, begrünt und bewohnt von Fischen und, ja, wohl auch Ottern. Beim Eintritt in die Großstadt wird das Berlingefühl intensiver. Zunächst streift die Panke den Schlosspark Buch, der mit zwei schweigenden Teichen und einem gewundenen Bachlauf aufwartet – und mit buckeligen Teerwegen, verwachsenen Wiesen und beschmierten Parkbänken. Schloss gibt es auch keins. Wiederholung im Kleinen: In Buch ließ die DDR, wie auch in Mitte, nach dem Krieg die Schlossruine schleifen.

Doch das allein macht nicht hässlich. Schon Fontane empörte sich über den Park: „Alles Bunte fehlt. Die Rüsternalleen, die sich wie Kirchenschiffe wölben, erscheinen nicht wie Weg und Steg in die freie Natur hinaus, sondern wie Gitter und Spaliere gegen dieselbe. Dieser Park hat zu lachen verlernt!“ Der Maßnahmenkatalog sieht hier ein neues Lächeln vor. Die Panke soll wieder richtig mäandern, statt sich nur lieblich zu schlängeln.
Ein kleines Paradies östlich des Parks

Im Prinzip ist es möglich, der Panke bis ins Herz der Hauptstadt zu folgen. Allerdings verschwindet sie unterwegs unter der Autobahn, sammelt sich in unromantischen Becken, Fischteichen und Wehren. Am Verteilerbauwerk am Nordgraben soll das Wehr aufgehoben und durch eine ökologisch durchgängige Anlage ersetzt werden – damit nicht nur der Mensch, sondern auch der Fisch wandern kann. Nach Pankow zum Beispiel, wo das Flüsschen einen weiteren Schlosspark (diesmal mit Schloss) quert: Schönhausen. Auch ist das Wasser hübsch langweilig befestigt und befriedet. Eine Computeranimation der Panke-Planer zeigt ein kleines Paradies östlich des Parks: An einem Wasser-Betonschacht plant ein Bauherr neue Häuser und angrenzend ein Ökoidyll, das Mensch und Natur gleichermaßen aus ihren betongewordenen Zwängen befreit.

Weiter geht es über den Pankower Bürgerpark in jenen Bezirk, in dem man glauben will, dass Berlin groß und schmutzig und böse ist: Wedding. Zwischen Wohnhausgebirgen soll aus der vermüllten Panke und einer schnöden Wiese eine grüne Aue werden: das „Franzosenbecken“ nahe der Stockholmer Straße, ein Hochwasser-Überlauf, könnte zur Freizeitlandschaft werden, mit Bach und Wegen, Stegen und Bäumen.
14,6 Millionen für Projektierung

Wer an der Panke wandert, stößt überall auf Geschichte. Wie die Stelle, wo der Fluss bis 1989 die Mauer unterquerte. Ein Gitter verhinderte, dass mit der Panke Republikflüchtlinge in den Westen schwammen. Heute geht hier nur noch ebenso rot-romantisch wie erinnerungslos die Sonne unter. An einigen Stellen hat die Zukunft schon begonnen, wie an der „Südpanke“, die nahe der Chausseestraße durch einen kleinen Park fließt. Wenn dieser auch eigentlich nicht zum Projekt Panke „2015“ gehört, das als Pilotprojekt gilt, was den Planungsaufwand erklärt. 14,6 Millionen Euro sind allein dafür veranschlagt, die Wiedergeburt der Panke konkret zu projektieren. Zurzeit berät darüber das Abgeordnetenhaus, die Ergebnisse der Haushaltsberatungen werden für den Dezember erwartet.

Und sollte die Panke 2015 tatsächlich wieder neu sein, so die Planer, dann haben sie noch einen Wunsch: Es soll es „Panke-Pflegehandbuch“ geben. Damit Berlins Drittfluss nie wieder zur Stinkepanke wird und dann einfach verschwindet.“ (Berliner Morgenpost, 30.11.2009)

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