Das Wiedersehen mit der Panke

Baugruppen gibt es unter verschiedenen Bezeichnungen schon viele Jahre in Berlin. Hier stellen wir Ihnen ein Projekt an der Panke vor, mitten im Wedding…

Es dringt kaum Straßenlärm in den zugewucherten Garten, die Panke fließt,
sich gemächlich windend, in ihrem rot gemauerten Kanal, und der morbide
Charme der nahe gelegenen Fabrikgebäude lässt den Betrachter fast
vergessen, dass er sich in der Mitte einer Millionenstadt befindet. Stefan
Klinkenberg führt über das Gelände, auf dem sein neuestes Bauprojekt
entstehen soll:„Ich finde, das Phänomenale an der Panke ist, dass sie eine
grüne Verbindung von der Mitte bis hinein ins Umland herstellt. So eine
Situation ist mir aus anderen Großstädten nicht bekannt.“ Daher ist für den
Architekten und Projektentwickler das Bauvorhaben in der Gerichtstraße 17
etwas Besonderes.

Das Vorderhaus wird das Wohnhaus sein

Das Vorderhaus wird das Wohnhaus sein

Klinkenberg hat das leer stehende Mietshaus, das sich in direkter
Nachbarschaft der Panke befindet, mit zwei weiteren Baugruppenmitgliedern vom Liegenschaftsfonds Berlin erworben. Für eine noch im  Wachsen begriffene Baugruppe sollen die Wohnungen des Vorderhauses in bis zu  174 qm große Wohneinheiten umgebaut werden, während auf dem 2800 qm großen Gartengrundstück mehrere Atelierhäuser geplant sind. „Der Flächennutzungsplan untersagt uns auf dem hinteren Grundstücksteil eine Mischnutzung aus Wohnen und Arbeiten“, erklärt Klinkenberg. Er findet es bedauerlich, dass ausgerechnet an dieser Stelle nicht die Kombination aus Wohnungen und Gewerbeflächen möglich sein soll, die für die lebendigen Altbauviertel Berlins so typisch ist. Der 53-jährige Architekt wohnt seit 1988 selbst in einem großen Kreuzberger Wohn- und Gewerbeprojekt, das seinerzeit noch mit öffentlichen Mitteln teilfinanziert wurde. „Heute müssen diese Projekte nicht mehr nach dem Gießkannenprinzip gefördert werden“, findet Stefan Klinkenberg. „Es gibt genug Leute, die es sich leisten können, und deren Kaufkraft wird in Berlin dringend benötigt.“  Im Laufe der Jahrzehnte hat sich Klinkenberg viel Erfahrung mit Baugruppen erworben, und beim Haus Gerichtstraße 17 handelt es sich sogar schon um das neunte Projekt dieser Art, das der Architekt betreut.

Die Nähe zur Panke ist – neben der zentralen Lage und dem großen und
ruhigen Gartengrundstück –  das wesentliche Alleinstellungsmerkmal des
Bauobjekts. So sollen auf der geschlossenen Hausseite zum Fluss hin große
Fenster aus der Wand gebrochen werden. „Die Deckenhöhe ist genau richtig,
das Dach und das Treppenhaus sind in einem soliden Zustand – wir haben hier gute Voraussetzungen für eine Sanierung“, erläutert der Architekt bei der Besichtigung des seit zwei Jahren leer stehenden Altbaus. Ein hoher
Ökostandard, Warmwassererzeugung durch Solarzellen und große französische Fenster dürften die Kaufentscheidung potenzieller Interessenten ebenfalls erleichtern. „Der Quadratmeterpreis von 2000 € mag für den Wedding hoch sein, ist aber für ein Projekt dieser Qualität und Lage
unterdurchschnittlich“, erklärt Klinkenberg. Manche der Käufer kämen aus
dem Kollwitzplatz-Milieu und suchten nun das wenig er Etablierte – trotzdem sei es nicht Jedermanns Sache, Pionier im Wedding zu sein, beurteilt der Projektentwickler das bisherige Interesse.

Architekt Stefan Klinkenberg

Architekt Stefan Klinkenberg

Für Stefan Klinkenberg ist die Arbeit an der Panke jedoch auch eine
Rückkehr zu den eigenen Anfängen: „Ich habe meine Diplomarbeit 1981 über die Wiesenburg, das ehemalige Obdachlosenasyl an der Panke geschrieben“, sagt der Architekt, der damals auch im Wedding wohnte. Sogar die Garagen, die sich heute auf dem hinteren Grundstücksteil der Gerichtstr. 17 befinden, kennt Klinkenberg noch aus dieser Zeit: „Hier haben Freunde von
mir an Autos und Motorrädern geschraubt“, erinnert er sich. Die besondere städtebauliche Situation, zwischen Fabrikgebäuden, dem Obdachlosenasyl und der Panke, lässt sich aber auch auf dem zugewucherten Grundstück gut erkennen – hier sollen die zwei- und dreigeschossigen Atelierhäuser entstehen. „Mit ihren hohen Erdgeschossen eignen sie sich gut für Galerien, während die Obergeschosse als Ateliers genutzt werden können“, erklärt Klinkenberg, der bereits eine renommierte Fotografin als  Bauherrin gewonnen hat. Die großen Wohnungen im Vorderhaus sind  für Familien , Künstler oder Freiberufler geeignet, die viel
Platz benötigen. Noch sind aber nicht alle Einheiten verkauft, so dass der
genaue Baubeginn nicht bestimmt werden kann.

Stefan Klinkenberg macht es sichtlich Spaß, sich nach über 25 Jahren wieder
mit der Panke zu beschäftigen: „Ich freue mich, dass – im Vergleich zu
damals – an diesem Pankeabschnitt viel Geld von der öffentlichen Hand
investiert wurde.“ Es steckt also viel mehr persönliches Engagement hinter
dem Bauprojekt, als man anhand eines bloßen Bauschildes vermuten würde.

Interessiert am Thema „Baugruppe“? Lesen Sie doch einfach den Artikel über eine Baugruppe in der Kopenhagener Straße in Prenzlauer Berg.

Die Baugruppe

“Es wird sogar verschiedenfarbige Blumen im Garten geben”, sagt die beteiligte Architektin Antje Mehnert beim Richtfest. Die Zuhörer lachen. Die Blumen sind nur ein Beispiel für den langen Diskussionsprozess, den die Bauherren bei der Planung ihres Hauses durchlaufen haben. Der andere Architekt Stephan Thiele drückt es so aus: “Wir haben nicht ein Mehrfamilienhaus, sondern neun Einfamilienhäuser übereinander gebaut.” So individuell waren die Wünsche der neun an der Baugruppe beteiligten Familien, die auf der Baulücke Kopenhagener Straße 18 mitten im Prenzlauer Berg ihren Traum verwirklicht haben. Kein Grundriss gleicht dem anderen, jeder Bodenbelag und jede Fliese sind von jedem Eigentümer ausgewählt worden. “Uns war am wichtigsten, dass wir hier auch einen Garten haben werden”, sagt Tobias Jentsch. Schließlich werden in den zehn Wohnungen von Anfang an zwölf kleine Kinder leben, von denen das Jüngste sogar erst kurz vor dem Richtfest geboren ist. Jentsch verwirklicht aber auch ein anderes Anliegen, das eine andere Generation betrifft: seine Eltern, Ende sechzig, werden ebenfalls in dem Haus einziehen. Rüdiger Jentsch und seine Frau werden dafür ihr Eigenheim in Oldenburg aufgeben und mitten in die Großstadt Berlin ziehen. “Wir wollen von der kulturellen Vielfalt Berlins profitieren”, erklärt Jentsch senior, aber er freut sich auch auf die Gartenarbeit. Sein Sohn Tobias findet an der Vorstellung, mit seinen Eltern zusammenzuwohnen, nichts Besonderes: „Das war doch früher auch selbstverständlich.“

 

Dass auch zwei ältere Paare im Haus wohnen, war dem Mitinitiator der Baugruppe, Jens Kober wichtig. “Wir wollen mehrere Generationen im Haus haben”, erklärt der Mitarbeiter eines grünen Bundestagsabgeordneten. Selbstverständlich wurde der Bau als Niedrigenergiehaus ausgeführt, und auch Solaranlagen fehlen nicht. Auch ansonsten ist die Mischung der Hausbewohner typisch für das Stadtviertel, in dem das Haus entstanden ist: “Es wohnen eigentlich nur Akademiker hier”, stellt Kober fest. Das liegt sicher auch daran, dass die anderen Mitglieder der Baugruppe aus dem weiteren Freundes- und Bekanntenkreis rekrutiert wurden. Und architektonisch? “Es mussten strenge Vorgaben eingehalten werden, weil das Haus gegenüber dem denkmalgeschützten Umspannwerk gebaut wurde”, erklärt Architektin Mehnert. So musste auch auf die geplante Dachterrasse verzichtet werden: “Es soll hier im dicht bebauten Gleimviertel keinen Wildwuchs auf den Dächern geben”, sagt die Architektin, die mit Architekt Stephan Thiele selbst zur Baugruppe gehört.

Allen zukünftigen Bewohnern ist gemeinsam, dass sie die Vorteile der Stadt mit denen des individuellen Bauens verbinden wollten: auf der einen Seite die städtische Infrastruktur (200 Meter zur U- und S-Bahn), auf der anderen Seite eigene Träume realisieren zu können und einen Gemeinschaftsgarten zu haben: “Wir wollten einfach einen Ort, wo unsere Kinder unbeaufsichtigt spielen können und einmal nicht betreut sind”, erklärt Jens Kober seinen Traum. “Und gleichzeitig möchte ich auch keine langen Wege in Kauf nehmen, um auch mal ein Bier trinken zu können.”

Die im Kiez engagierten Bürger trauern einstweilen um die Pappel, die sich auf dem Baulückengrundstück früher befand: „Es ist schade um die kleine Stadtbrache, wo die Kinder spielen konnte“, sagte Jacqueline Röber vom Bürgerverein Gleimviertel. Zum Ausgleich hat die Baugruppe in ihrem Garten drei neun Meter hohe Bäume vorgesehen. Außerdem beteiligt sich die Baugruppe an einer Pflanzaktion für Straßenbäume im Viertel. “Wir sind Bürger und keine anonymen Investoren. Wir schließen letztendlich auch eine Baulücke.” erklärt Bauherr Tobias Jentsch. Hier zeigt sich, welche schöpferische Kraft entsteht, wenn ähnlich gelagerte Interessen Einzelner zusammenfinden.