Stenografin aus Leidenschaft

Im Wedding gibt es viel scheinbar Unauffälliges zu entdecken. Nicht nur ungewöhnliche Orte, auch Menschen aus aller Herren Länder und mit den ungewöhnlichsten Beschäftigungen. „Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht“, sagt Brenda Montuelle. Allerdings hat sie einen der seltensten Berufe der Welt: Stenografin. Sie stenografierte schon als Jugendliche gern, nahm in ihrer Freizeit an zahlreichen Wettbewerben teil. Seit 1994 gehört sie einem Kreis von zwanzig Kollegen dem Stenografischen Dienst des Deutschen Bundestages an. Ihre Liebe gilt nicht nur der deutschen Sprache, sie hat auch einen Magisterabschluss für Italienisch und Französisch.

Den kann sie auch gut gebrauchen, denn seit zehn Jahren ist sie mit einem Franzosen zusammen. Ihr Mann Denis, 36 Jahre alt, ist in Nordfrankreich aufgewachsen. Als Student der renommierten Bergbauhochschule St.Etienne hat es ihn Anfang der neunziger Jahre nach Berlin verschlagen. Als Ersatz für den Wehrdienst hatte er schließlich die Möglichkeit, für einen Entwicklungshilfeverein nach Bonn zu gehen. Seine guten Deutschkenntnisse öffneten ihm damals schon Türen. In Bonn lernte er auch seine heutige Frau kennen, die gerade als Parlamentsstenografin angefangen hatte. „Als der Bundestag noch in Bonn saß, konnte man noch ohne Kontrolle in die Büros hinein“, erzählt Brenda Montuelle. „In Berlin sind wir dagegen gut abgeschirmt, dafür aber in schöneren Büros.“
Ihr Job ist nicht nur die Reden der Politiker mit zu stenografieren, sondern auch alle anderen Vorkommnisse: „Welcher Abgeordnete oder welche Fraktion hat bei welchem Thema geklatscht“, beschreibt die 35-Jährige den Inhalt ihrer Aufzeichnungen. Anschließend beginnt die Nacharbeit, wenn sie die Reden in eine druckreife Form bringt. „Privat kann ich Interviews mit Abgeordneten nicht mehr leiden“, sagt sie, wobei sie betont, dass sie die meisten Politiker für fleißig hält.Brenda Montuelle

Auch ihr Mann ist als Ingenieur viel unterwegs, wenn er Kleinkläranlagen für einzelne Häuser in Nordostdeutschland verkauft. „Mein französischer Akzent bleibt den Kunden in Erinnerung“, schmunzelt Denis Montuelle. Auch wenn sein Deutsch nach so vielen Jahren eigentlich fehlerfrei ist. Er hofft, wieder zu seiner eigenen Muttersprache zurückzufinden, wenn der Nachwuchs zu sprechen anfängt. Das dürfte noch ein wenig dauern, schließlich ist Sohn Frank erst am 13. Januar auf die Welt gekommen. Brendas Schwangerschaft wurde dem Wedding übrigens quasi offiziell kundgetan: die beiden sind nämlich von Anfang an Stammzuschauer im PrimeTimeTheater und können eine bunte Sammlung von Eintrittskarten vorzeigen. Da war es ganz klar, dass die werdenden Eltern von PrimeTime-Schauspieler Oliver Tautorat auf der Bühne in die Babypause verabschiedet wurden.

Lange werden die Montuelles nicht mehr im Wedding wohnen, denn sie haben sich eine Wohnung in Pankow gekauft. „Wir haben uns im Wedding immer sicher gefühlt, gerade weil hier nachts noch Leute auf der Straße sind“, sagt Denis Montuelle. „Aber leider ist hier das Angebot an Eigentumswohnungen nicht groß genug“. Wenigstens zum Theaterbesuch werden die beiden jedoch sicher wieder zurückkehren.Denis und der kleine Frank Montuelle

Stand: 09.05.2007 Autor: Joachim Faust, Fotos: JF

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