Der Wedding wie er ist

Der Wedding ist in einer ehemaligen Fleischerei in der Liebenwalder Straße entstanden. Jedenfalls arbeiten dort Julia Boeck und Axel Völcker, zwei Endzwanziger, die ihr neues Kulturmagazin schlicht „Der Wedding“ genannt haben. Am Straßenfenster des Veranstaltungslokals des Kulturvereins „Mastul e.V.“, in dem der Herausgeber und die Chefredakteurin an ihrem Magazin gearbeitet haben, stehen Ohrensessel neben einer Stehlampe, und an der Wand sind noch die Originalfliesen aus der früheren Fleischerei zu sehen. Ebenso vielfältig wie das Programm des Kulturvereins präsentiert sich die erste Ausgabe des „Wedding“, die am 02.02.2008 erschienen ist. Darin wird der Leser dazu eingeladen, sich dem Stadtteil von außen nach innen zu nähern. „Der Name ‚Der Wedding‘ stand von vornherein fest“, erklärt Völcker, der das Magazin gestalterisch betreut. Seine Diplomarbeit bestand aus der Nullnummer des Magazins. Danach reifte die Idee, daraus eine Zeitschrift zu machen, die auch inhaltlich überzeugt: „Wir wollen den Wedding zeigen, wie er ist und nicht in ein falsches Licht rücken“, sagen die beiden gebürtigen Rüganer, die seit neun Jahren in Berlin leben. „In einem ersten Schritt haben wir daher versucht, eine Bildsprache zu finden, die zum Wedding passt“, so der diplomierte Kommunikationsdesigner Völcker. Heraus kam eine Typographie, die in den 1980er Jahren stehengeblieben zu sein scheint. Auf ein Zeitschriftenlogo wird bewusst verzichtet – der Ort Wedding ist schließlich auch nicht aus einem Guss.

Von der Schwierigkeit, qualitativ hochwertige Texte für das Magazin zu finden, weiß die Literaturwissenschaftlerin Julia Boeck: „Wir mussten Autoren finden, die bereit waren, ohne Geld für uns zu schreiben. Das Ergebnis ist eine große stilistische Vielfalt der Texte, die zum Teil von professionellen Autoren stammen.“ Die zahlreichen Fotostrecken wiederum zeigen ungeschönte Innenansichten – „nur eben durch uns gefiltert“, erklären die Macher der Zeitschrift. Es geht ihnen darum, sich dem Ort Wedding anzunähern und ihn dann unterstützend und unverzerrt widerzuspiegeln. „Für uns ist erst mal jeder interessant“, fasst es Julia Boeck zusammen, „nicht nur die Themen, die sowieso gerade im öffentlichen Interesse sind.“ Beim Durchblättern des Magazins gelangt der Leser dann auch an Orte, die typisch für den Wedding sind, sich aber doch den Blicken verbergen, wie die Fotos aus arabischen oder türkischen Kulturvereinen.

mastul-fenster.jpgIn den Räumen des „Mastul e.V.“ wird jetzt nach dem erfolgreichen Verkaufsstart des Magazins an weiteren Ausgaben gearbeitet. „Das nächste Mal berichten wir berlinweit – der Focus öffnet sich“, sagt der 29jährige Völcker. Es geht um Verwandtschaft im weitesten Sinne – Eigenschaften, wie sie der Wedding besitzt, lassen sich auch in anderen Bezirken oder anderen Städten finden. Dies und andere Aspekte der Verwandtschaft herauszuarbeiten wird die neue Herausforderung für die beiden Herausgeber sein. Die Hauptinvestition für das Magazin mit 3000 Exemplaren Auflage, das wissen die beiden Herausgeber, ist Idealismus: „Wir streben nicht an, profitabel zu sein“, sagt Axel Völcker. Und Julia Boeck fügt hinzu: „Wir sehen es als Privileg, unsere Vorstellung von Journalismus in diesem Magazin zu verwirklichen und dabei zu lernen. Das ist der eigentliche Erfolg.“

Verkaufsstellen des Magazins, das 4,65 € kostet, findet man unter www.derwedding.de unter „Bestellung“.