Der Herr der Wörter – Arbeit am Deutschen Wörterbuch

Norbert Schrader wohnt in der Koloniestraße und hat einen für den Kiez außergewöhnlichen Beruf. Er sammelt etwas, das wir täglich tausendfach in den Mund nehmen: Wörter. Wörter der deutschen Sprache, die nicht unbedingt die Muttersprache vieler Kiezbewohner ist. „Ich bin froh, dass aus mir kein Lehrer geworden ist“, sagt er, auch wenn er Mitte der 70-er Jahre in seiner Heimatstadt Braunschweig ein Lehramtsstudium begonnen hat. Schüler sind im Gegensatz zu Papier nicht ganz so geduldig. Und Geduld braucht Norbert Schrader in seinem Beruf im Übermaß. Seine Worte, Worte unserer Sprache, die er beruflich sammelt, wählt er sorgfältig aus. Er steht ganz in der Tradition der Brüder Grimm, deren Märchen heute allgemein bekannter sind als ihr späteres Werk, das Deutsche Wörterbuch. An dessen Neubearbeitung arbeitet der promovierte Germanist seit 1994 mit. (Foto: Norbert Schrader)

Das Grimm’sche Wörterbuch
Eine auf lange Zeit angelegte Arbeit: Jacob und Wilhelm Grimm begannen 1849 nach mehrjähriger Vorbereitung an ihrem Wörterbuch zu arbeiten und wollten es innerhalb von zehn Jahren abgeschlossen haben. Indes überdauerte die Arbeit nicht nur ihr Leben, sondern auch das einiger Generationen nach ihnen, bis es 1960 erstmals vollständig bearbeitet war, 350 000 Wörter umfasste und mehr als zwei Meter im Bücherregal füllte. Jacob Grimm selbst kam nach dem Tod seines Bruders 1859 nur bis zum Buchstaben F. Erst 2012 soll der neunbändige Neubearbeitungsteil des Deutschen Wörterbuchs von A-F fertig sein. Was muss ein Mensch für Gaben mitbringen, der sich einem so langjährigen Projekt verpflichtet fühlt? Norbert Schrader wirkt jedenfalls nicht wie einer, der die Dinge übereilt. (Foto: Das Grimm’sche Wörterbuch)

Arbeit mit alten Quellen
Nach seiner Promotion stieß Norbert Schraders zunächst zu dem Projekt, „Historisches Wörterbuch des deutschen Gefühlswortschatzes“. Es kam jedoch damals nicht über das Planungsstadium hinaus. „Leider…“, fügt der Sprachwissenschaftler hinzu, dem man seine 52 Lebensjahre nicht anmerkt. Wenn er von seiner Forschung erzählt, spürt man, dass das Erarbeiten des deutschen Wort-„Schatzes“ wahrhaft eine Bereicherung sein kann. An seinem Arbeitsplatz, der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, sichtet er mit mehreren Kolleginnen und Kollegen unzählige historische Schriftbelege, siebt Wörter aus, die akribisch erläutert und anhand von Quellen belegt werden. Diese Quellen sind häufig über 500 Jahre alt und enthalten zum Teil historischen Wortschatz, den man heutzutage unkommentiert nicht mehr versteht.

Aufhebens um „Aufheben“
Aber auch heute noch verständliche Ausdrücke bergen Überraschungen: unter dem Buchstaben A findet man beispielsweise das Wort „Aufheben“, zu dem Norbert Schrader einen seitenlangen Artikel verfasst hat: „Es ist interessant, zu erfahren, woher ein Wort oder ein Ausdruck kommt, wie um eine Sache `Aufhebens machen´“ erklärt er. Prahlerische Reden von Schaufechtern im 16. und 17. Jahrhundert, die ihren Degen umständlich aufhoben, leben in diesem Ausdruck bis heute fort. „Wenn man so viel wie ich mit alten Texten arbeitet“ sagt Schrader, „wird man manchmal sogar etwas unsicher in bezug auf die moderne Schreibung – wie z.B. beim Wort `Urteil´, was früher mit `th´ und `ey´ geschrieben wurde“. Die Geschichte des deutschen Wortschatzes ist eben auch eine lange Geschichte der unterschiedlichsten Rechtschreibregeln und -reformen.

Über den Dächern dieser Stadt
Norbert Schraders Berliner Zuhause ist ein Apartment in der oberen Koloniestraße, hoch über den Dächern der Stadt. In den vergangenen zwölf Jahren hat er hier die Entwicklungen des Kiezes als Bewohner miterlebt, „wellenförmig“, wie er sagt. Dies betrifft besonders die Zeit Ende der 90-er Jahre, in der sich die Medien mit negativen Überzeichnungen der Kriminalität im Soldiner Kiez gegenseitig überboten.

Heute ärgert Schrader besonders, dass die BVG die Koloniestraße durch die Abschaffung der Buslinie 228 förmlich „abgehängt“ hat. Doch auf seiner Dachterrasse wirkt das Straßenleben weit entfern. Durch ein Teleskop am Fenster sieht Schrader außerdem eher Mondkrater als das Getümmel der Großstadt. „Eine Oase“, so empfindet der Sprachwissenschaftler seine Wohnung mit Fernblick und den Laubenkolonien zu Füßen.Allenfalls der ständige Fluglärm trübt die Idylle. Wenn aber die Frühmaschine aus New York landet, packt ihn das Fernweh. Wer weiß schon, wohin es ihn einmal verschlägt? Schließlich verändern sich nicht nur die Wörter der deutschen Sprache, sondern auch die Menschen, die sie erforschen.

Stand: 06.09.2006 Autor: Joachim Faust,