Zur Erholung in die Kolonie

 

Der Sommer kommt bestimmt! In Berlin ist dann wieder Kleingartenzeit. Diese „Oasen“ gibt es an der Panke wie in kaum einem anderen innerstädtischen Gebiet. Zeit, einen Blick hinter die Kulissen zu wagen….

Man hört Vogelgezwitscher, Schmetterlinge flattern umher, nur vereinzelt sind entfernte Stimmen zu vernehmen, von Großstadtlärm keine Spur. Hunderte Berliner schätzen den Soldiner Kiez – als Erholungsort. Genauer gesagt entspannen sie sich in den zahlreichen Parzellen der Kleingartenkolonien, die es an der Panke oder zwischen Koloniestraße und Provinzstraße gibt. Die hiesigen Kleingärtner wohnen meist im Soldiner Kiez oder den unmittelbaren Nachbarvierteln und verbringen jede freie Minute auf ihrer Parzelle. „Man muss ja auch immer da sein, zum Beispiel zum Gießen“ erklärt Frau Hedzek. Sie und ihr Mann wissen ein Lied davon zu singen, wie viel Arbeit der Garten macht und wie hoch die Nebenkosten mittlerweile zu Buche schlagen. Aber die Nähe zu ihrer Wohnung an der Wollankstraße und die Gemeinschaft mit den anderen Kleingärtnern sind gute Gründe dafür, dass die beiden Rentner ihre Freizeit gerne im Garten verbringen. Junge Familien, für die das Kleingartenwesen besondere Vorteile bieten kann, sind in den Kolonien indessen weniger zu finden. Kati und Torsten Lichtblau sind Anfang 30 und haben zwei Kinder im Alter von 4 und 7 Jahren. „Wir wurden von Wohnungsnachbarn auf das Thema Kleingarten angesprochen, haben uns aus dem Bauch heraus für die Parzelle entschieden und den Entschluss nicht eine Sekunde bereut“, sagt Kati Lichtblau. Während sie erzählt, erkunden ihre Kinder, wie sich eine Schnecke bewegt, die sie im Garten gefunden haben. „Klar wünschen wir uns mehr Leute mit kleinen Kindern in der Kolonie“, sagt die Mutter. Ihre Tochter ist sogar das einzige Mädchen in der ganzen Anlage. Schließlich kommt man über die Kinder schnell mit den anderen Bewohnern ins Gespräch. In ihrer Kolonie sind jedoch höchstens 10 % unter 40 Jahre alt, schätzen die Lichtblaus. „Wer sich für einen Kleingarten entscheidet, muss sich über einige Einschränkungen bewusst sein“, sagt Torsten Lichtblau. „Es ist etwas anderes als das eigene Haus mit Garten.“ Es werde Teilnahme am Vereinsleben und die Ableistung von Gemeinschaftsarbeit erwartet, von zahlreichen Vorschriften und Verboten ganz zu schweigen. Einige erläutert Joachim Stolz, 46 Jahre alt, Vorstand des Kleingartenvereins „Eintracht an der Panke“:6851_pic.jpg „Ein Drittel der Parzelle ist mit maximal 24 m2 die Laube, Rasenfläche ein weiteres Drittel, der Rest Obst- und Gemüseanbau.“ Gerade der Anbau von Pflanzen, dem ursprünglich der Selbstversorgungsgedanke zugrunde lag, ist jedoch für Stolz ein Grund mehr, junge Familien anzuziehen: „Kindern macht es Spaß, einen Bezug dazu zu bekommen, wo das Obst und das Gemüse herkommt. Kinder gehören einfach zum Kleingartenwesen dazu!“ Stolz versucht daher, jüngere Leute für seine Anlage zu begeistern. „Geeignet ist, wer etwas für die Gemeinschaft einbringen kann, zum Beispiel eine besondere handwerkliche Begabung“, erklärt der Vorsitzende. „Wer sich nicht gerne in eine Gemeinschaft einfügt und Vereinsleben nicht mag, ist jedoch fehl am Platze.“ Dies wird jedem Interessenten in Vorgesprächen genau erläutert. „Vor dem Mauerfall gab es noch lange Wartelisten“, so Joachim Stolz. Heute ist es leichter, an eine Parzelle zu kommen. Entscheidend ist aber, ob man die Abstandszahlung für die Laube bezahlen kann. Die Pacht selbst beträgt in der „Eintracht“-Kolonie keine 100 Euro im Jahr, für die Nebenkosten an Wasser, Abwasser und Müllabfuhr sind noch einmal 500 Euro zu rechnen. Was die Allgemeinheit davon hat, zeigt Joachim Stolz an einem Beispiel: „Die Leute aus dem Seniorenheim an der Panke kommen gerne zu uns und erfreuen sich an den Gärten“. Schließlich seien gepflegte Gärten auch eine Bereicherung für den Kiez und wirkten der Verwahrlosung entgegen. Wie andere Kleingärtner ärgern sich die Lichtblaus darum ein wenig über das Ansehen der Kleingärtner: „In unserem Freundeskreis werden wir schief angeguckt, auch wenn die Bekannten gerne und lange in unserem Garten sitzen“, erklärt Torsten Lichtblau. Der Garten, wo man sich nach einem Arbeitstag entspannt, gehört für die Familie einfach zum Alltag wie die Wohnung.

Aller Vorteile zum Trotz: es scheint noch viele freie Kleingärten zu geben, und eine Verjüngungskur durch Familien mit Kindern steht noch aus – im Gegensatz zu den Kleingärten im benachbarten Prenzlauer Berg.6852_pic.jpg

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