Kiezeulen-Kita: Grenzgänger

Kitas im Wedding als Alternative zu überlaufenen Einrichtungen im benachbarten Prenzlauer Berg werden immer beliebter

Janine Wiefel ist über diesen Betreuungsschlüssel hoch erfreut: „Eine Erzieherin pro Kind – wo gibt’s denn sowas sonst?“ Paradiesische Bedingungen für Eltern in der neuen Kita „Kiezeulen“ in der Eulerstraße, wenn auch nur auf Zeit. Die Kita hat am 8.11.2007 neu eröffnet und es sind noch einige Plätze frei. Der Vorstandsvorsitzende des Trägers Kulturverein Prenzlauer Berg, Thilo Schlüßler, ist froh, mit der neuen Kita den Sprung in den Wedding gewagt zu haben. „Wir wollen hier neue Betreuungskonzepte entwickeln, wie zum Beispiel Früh- und Spätkita und wir verzichten auf Sommerschließzeiten. Wir wollen hier einen Leuchtturm starten!“ Für die neue Kita kann er sich sogar eine Betreuung über Nacht vorstellen, wofür das Bezirksamt allerdings noch eine Genehmigung erteilen müsste. Kiezeulen-Kita GebäudeDer Träger hat im gleichen Gebäude, einem denkmalgeschützten Neubau aus den 50er Jahren, auch die Geschäftsführung untergebracht. Auch die Pressesprecherin des Kulturvereins, Barbara Schwarz sieht in der Wanderung gen Westen vor allem eine Erweiterung des Aufgabenspektrums: „In unserer Kita in der Gleimstraße hatten wir schon lange großen Zulauf aus dem Wedding, aber wir wollen mehr Erfahrung sammeln für die Kinder- und Jugendarbeit mit Migrationshintergrund“. Die Weddinger Filiale als Chance für den Kulturverein, der noch vor wenigen Jahren vor der Insolvenz stand – so sieht es der Vorstandsvorsitzende: „Wir wollten die Gelegenheit nutzen, lange schlummernde Visionen in die Tat umzusetzen“, sagt Schlüßler. „Wir haben es durch den Wechsel des Bezirks jetzt ja auch mit einem anderen Bezirksamt zu tun, das uns den Schritt erleichtert hat.“

Kiezeulen-Kita ErzieherinnenOhne die Bereitschaft der Erzieherinnen wäre es natürlich aber auch nicht möglich gewesen, eine Filiale einer zwanzig Jahre alten Kita aus dem Prenzlauer Berg am Gesundbrunnen einzurichten. Die 43jährige Sibylle Werner und ihre 26 Jahre junge Kollegin Nicole Arms hatten schon vor den Umzugsplänen Ideen für neue Betreuungsformen entwickelt. „Wir haben sofort ja gesagt, als sich die Möglichkeit bot“, erzählen beide. „Wir hatten zwar keine Vorurteile über den Wedding, aber wir sind trotzdem überrascht, wie schön der Kiez hier ist.“ Zahlreiche Spielplätze an der Grüntaler Straße und viel Grün direkt vor der Haustür empfinden die beiden Erzieherinnen aus dem Prenzlauer Berg als traumhafte Bedingungen. Sie selbst wollen aber auch etwas ganz Neues ausprobieren: „Gerade in der Nähe des Gesundbrunnen-Centers und des Virchowklinikums werden wir berufstätigen Eltern eine Betreuung anbieten, die ihnen den Babysitter ersetzt.“

Kiezeulen-Kita Mutter und KindDie 13 Monate alte Kaisa wird daran noch nicht denken. Ihre Mutter Janina Wiefel war zunächst einfach nur froh, den Betreuungsplatz kurzfristig erhalten zu haben. „Ich wohne in Niederschönhausen, aber die Kita liegt perfekt auf meinem Arbeitsweg.“ Aber nicht nur praktische Gründe sprechen für die „Kiezeulen“: „Mir ist wichtig, dass auch Kinder aus anderen Kulturen hier sein werden, damit Kaisa später damit keine Probleme haben wird.“

Freie Plätze? mehr unter: http://www.kvpb.de/html/kiezeulen/index.html

P.S. Nachtrag: inzwischen wohnen beide Erzieherinnen im Wedding und die Kita hat sich räumlich noch erweitert. Eine Betreuung wird derzeit von 6 – 18 Uhr für alle Altersgruppen angeboten.


Kita Kiezeulen,  Eulerstraße 19, S-U-Bhf Gesundbrunnen

Tel. 030 446 777 32 oder kiezeulen@kvpb.de

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Neues Leben im alten „Holz und Farbe“

Kamin & Wein - Holz & FarbeWeinflaschen stehen in Regalen, eine altmodische Stehlampe verbreitet gelbliches Licht und im Kamin knistert ein wärmendes Feuer – wenn nicht die Autos die Prinzenallee entlang rasen würden, man könnte es kaum glauben, dass man mitten im Soldiner Kiez ist.

Uwe Friede und Heiko Schmidt haben das Erdgeschoss des früheren “Holz + Farbe” zu neuem Leben erweckt: Der Laden heißt schlicht “Kamine & Wein”, weil darin genau diese beiden Produkte verkauft werden.

“Heizen und Feuern fand ich schon immer faszinierend”, sagt Heiko Schmidt. Der bisher eher als Veranstalter und Gastronom bekannte 33-jährige interessiert sich für den ökologischen Fortschritt: “Wichtig sind die niedrige Feinstaubbelastung, der hohe Wirkungsgrad und das hochwertige Design.” Schließlich schafft man sich einen solchen Kaminofen in der Regel nur einmal im Leben an, weiß auch Uwe Friede: “Wir verkaufen hier kein alltägliches Verbrauchsgut”, sagt der gelernte Kaufmann. Es werden von zwei unterschiedlichen Kaminofen-Herstellern Öfen und Zubehör verkauft, die es im Baumarkt nicht gibt.

Diese Öfen sind bei einem minimalen Verbrauch an Holz und einem Wirkungsgrad um 80 % bei der Wärmeproduktion in der Lage je nach Modell kleine Räume oder auch große Wohnraumsituationen zu beheizen. Moderne Kaminöfen, die mit erneuerbaren Energien wie Brennholz, Holzbriketts oder Holzpellets beschickt werden, tragen durch ihre gute Ökobilanz im Gegensatz zu den mit fossilen Brennstoffen beschickten Öfen weniger zum Treibhauseffekt bei.

Kamin & Wein - Holz & FarbeWer sich für die langfristige Anschaffung eines solchen Kaminofens entscheidet, soll dann auch eine gute Flasche Wein oder pfälzischen familieneigenen Kirschschnaps erhalten. “Kamine und Wein, das passt doch gut zusammen. Eigentlich müssten wir Branntwein anbieten…” schmunzelt der gebürtige Pfälzer Schmidt. Weiterhin sein „KAFFEE SCHMIDT“ zu betreiben ist nicht ganz so seine Sache:„Es fordert viel Zeit und kostet einfach viel Nerven einen Kneipenbetrieb zu führen. Ich habe Lust mit etwas Neuem anzufangen“,_ so Schmidt, der sich als Selbständiger weiterentwickeln will, aber vor allem auch mehr Zeit für sich privat haben möchte.

Etwa die Hälfte des Weinangebots, so stellt Schmidt sein Sortiment vor, soll aus deutscher Produktion sein, natürlich mit Schwerpunkt Pfälzer Wein. Die Weine werden nicht zum Supermarktpreis zu haben sein, aber für eine Flasche, die zwischen vier und 20 € kosten wird, soll der Kunde ein gutes Preis- Leistungs-Verhältnis erwarten können. Auch ist geplant, dass Winzer im Laden Weinverkostungen durchführen.

Kamine & Wein - SchmidtIm insgesamt knapp 80 m2 großen Laden ist nicht nur Platz für den Wein- und Ofenverkauf und die Verkaufsberatung. Für Heiko Schmidt, der immer noch davon träumt, ein Café im Kiez zu betreiben, bedeutet das Geschäft keine völlige Abkehr von seinen bisherigen Projekten: es gibt auch Kaffee-, Wein- und Bierausschank und einige Sitzplätze. “Vor allem wünsche ich mir eine große Bandbreite an Gästen, die Qualität und Genuss zu schätzen wissen”, so Schmidt. Die optisch sehr ansprechenden Kaminöfen, eigentlich Ausstellungsstücke, werden zur gediegenen Atmosphäre zusätzlich beitragen. Kulturell könnte der Laden ebenfalls wieder genutzt werden, plant Heiko Schmidt: “Ich kann mir Info-Abende und Ausstellungen vorstellen”, sagt er, nicht ohne hinzuzufügen: “Es wird garantiert auch etwas funky”. Wer Heiko Schmidts bisherige Projekte kennt, dürfte daran kaum zweifeln, zumal wenn es in den Räumen des “Holz und Farbe” stattfindet.

Seit 2.Mai 2008 hat das „Kamine und Wein“ geöffnet. Mo-Fr. öffnen Laden und Weinstube ab 15 Uhr bis ca. 22 Uhr, Sa. ist bis 24 Uhr geöffnet. Sonntags wird in Zukunft bereits ab 10 Uhr geöffnet sein. Im Sortiment finden sich neben deutschen und französischen Weinen auch Bio-Cidre aus der Bretagne. Auch exzellenten Kaffee erhält man im „Kamine und Wein“.

Adresse: Kamine und Wein, Prinzenallee 58, Berlin-Gesundbrunnen

http://www.kamineundwein.de

Wer Bio sucht, wird auch im Soldiner Kiez fündig

„Je besser das Wetter ist, desto mehr Kunden haben wir“, sagt Katrin Paul – und hofft natürlich nicht nur aus diesem Grund für 2007 auf einen schönen Sommer. Die Bildungsreferentin hat sich vor sechs Jahren mit einer originellen Geschäftsidee selbstständig gemacht: sie beliefert in Nordostdeutschland Tagungen und Seminare mit Bioprodukten. „Ich habe mich selbst auf Seminaren über die schlechte Verpflegung geärgert“, sagt die 37-jährige. „Jetzt beliefern wir mit „Speisen auf Reisen“ die Bildungsstätten mit Lebensmitteln, die mir selbst besser schmecken.“ Und die Tagungsteilnehmer, so der angenehme Nebeneffekt, können in der Gruppe kochen und sich so ein bisschen besser kennen lernen. (Foto: Inhaberin Katrin Paul)

Schwieriges Umfeld
Als für Speisen auf Reisen größere Lagerflächen gesucht wurden, wurde Katrin Paul im Soldiner Kiez fündig. In einer ehemaligen Motorradwerkstatt, im zweiten Hinterhof der Prinzenallee 58, gab es eine passende preiswerte Gewerbefläche, die vor allem für Europaletten geeignet sein musste. „Der Bioladen ist sozusagen ein Nebenprodukt“, sagt die Unternehmerin, „er muss jedoch aus dem Lieferservice quer subventioniert werden.“ Und genau das ist der Haken: ein Bioladen findet im Soldiner Kiez ein schwieriges Umfeld vor. Es gibt zwar auch hier die typischen Bioladen-Kunden – überwiegend Singles, junge Familien oder Genossenschaftsmitglieder der Prinzenallee 58 -, aber deren Anzahl reicht für ein florierendes Geschäft nicht aus. Aufgrund der niedrigen Einkommen im Kiez fehlt es zudem schlicht an der Kaufkraft potenzieller Kunden. (Foto: Hier geht’s zum Bioladen)

Frisch auf den Tisch
Wer den 50 Quadratmeter großen Laden aber erst einmal entdeckt hat, lernt dessen Vorteile schnell schätzen. Es wird mit kleinen Biobauern aus dem Berliner Umland kooperiert, so zum Beispiel dem Siebengiebelhof und einem Bauern aus Kuhhorst, die beide an gleich bleibenden Wochentagen ihre typischen Produkte wie Brot und Quark liefern. Katrin Paul hat auch ein offenes Ohr für Vorschläge ihrer Kunden, wie das Sortiment noch erweitert werden kann. Es gibt zwar keinen ständigen Vorrat an Frischfleisch, dafür kann fast alles vorbestellt werden und es gibt eine Gefriertheke. Nicht zuletzt bietet der Laden auch ein Rabattsystem: 21 Einkaufsstempel im Bonusheft führen zu einem Guthaben von drei Euro. (Foto: Frisches Obst und Gemüse aus dem Umland)

Günstige Lage im Wedding
„Der Laden liegt fahrradfreundlich, aber nicht direkt an der Prinzenallee“, gibt die Ladeninhaberin zu bedenken. Dafür gibt es aber in diesem Teil des Wedding keine direkte Konkurrenz. „Oft wundern sich die Kunden, dass es uns überhaupt gibt“, erklärt Katrin Paul, die selbst im benachbarten Pankow wohnt. Wie so oft sind auch die Personalkosten ein großes Problem, wodurch die Öffnungszeiten stark eingeschränkt werden mußten. Eine Mitarbeiterin im freiwilligen ökologischen Jahr bringt da schon eine große Entlastung für das kleine Geschäft. (Foto: Der kleine Laden im 2. Hinterhof der PA58)

So schwierig die Situation sein mag, dem Kiez bleiben zwei Dinge zu wünschen: dass es weiterhin einen Bioladen gibt, der die Lebensqualität in diesem innerstädtischen Bezirk erhöht und dass die Geschäfte gut laufen – und das nicht nur bei Sonnenschein.

aktuelle Öffnungszeiten und Kontakt: http://www.speisenaufreisen.de, Tel. 030 / 46 06 53 81

Stand: 03.03.2007 Autor: Joachim Faust / Christoph Schierholz, Fotos: JF/SK

Ideen aus der Wäschekammer

Wenn man Johannes Lange an seinem Arbeitsplatz besuchen will, muss man im Treppenhaus bis nach oben unters Dach gehen, wo es nicht mal Licht gibt. Sein Büro – und das seiner drei Mitstreiter – besteht aus einer spartanisch eingerichteten Dachkammer mit lediglich zwei Tischen, auf denen zwei Computer stehen. Selbst die Wände sind recht kahl und schmucklos; nur ein Schriftzug zeigt, was sich hier befindet: der „Verlag der schönen Dinge“. (Foto: Johannes Lange in der „Wäschekammer“)

Das Experiment mit der Idee
Johannes Lange, 30 Jahre und Chef des Unternehmens, hat Kunst auf Lehramt und Geographie studiert, wenn auch noch nicht ganz abgeschlossen. Er erklärt, warum dieser „Verlag“ so ganz anders aussieht als man sich landläufig einen Verlag vorstellt. „Der Begriff Verlag steht heute nur noch für Bücher und andere Medien, aber im Mittelalter war der Verleger die Schnittstelle zwischen einem Erzeuger und dem Markt“, sagt er. Der Verlag der schönen Dinge ist das Experiment, eine Schnittstelle zwischen guter Idee und dem Kunden zu sein. „Der Ausgangspunkt war: Wir haben viele Ideen in unserem Umfeld, die einfach nur nicht zu Ende gedacht sind“, erklärt Johannes Lange.

Ideen in die Tat umsetzen
Doch dem Verlag geht es darum, die Ideen nicht nur theoretisch zu entwickeln, sondern auch in die Tat umsetzen. „Zum Beispiel kam ein Computerverkäufer zu uns,“ erklärt der Jung-Verleger. „Er wollte originelle Computergehäuse. Wir haben sie entworfen und einen Tischler gesucht, der die Idee umsetzt. Ein Experte hat dann noch die technischen Probleme gelöst.“ Zielgruppe des Verlags sind also Kunden, die sich für ausgefallene, gut aussehende Produkte interessieren.

Postkarten und T-Shirts
Fürs erste beschäftigt sich der Verlag mit der Produktion von Postkarten und T-Shirts, die sich leicht produzieren und auf dem Kunst-Markt durch „Klinkenputzen“ verkaufen lassen. Die vier Mitarbeiter schöpften bislang aus ihren Fähigkeiten, Zeichnungen, Grafiken und Illustrationen anzufertigen. Eine große Auswahl an Fotografien und markanten Postkartenmotiven gibt es bereits. Doch Johannes Lange kann sich vorstellen, dass sich alles in viele Richtungen entwickeln kann: „Ich habe viel Erfahrung im Musikbereich und habe schon in mehreren Bands gespielt. Im Moment bereite ich ein eigenes Plattenlabel namens Jajamusic vor. Dort wird die Musik von Bands wie Scamp, Chinchilla Killer und Gottes eigener Band erscheinen.“

Zukunft noch offen
Die Zukunft ist also noch völlig offen. „2006 beginnt Phase II des Experiments“, erklärt Johannes Lange. „Wir müssen sehen, ob man auch in größerem Rahmen Geld verdienen kann.“ Das wird der Verlag auch müssen, denn ab März muss er wie alle anderen Mieter im Christiania-Haus auch eine Raummiete für die ehemalige Wäschekammer bezahlen.

Gutes Arbeitsumfeld
Der jetzige Standort im kulturwirtschaftlichen Innovationszentrum an der Osloer Straße 16 bietet jedenfalls ein gutes Umfeld für die noch unerfahrenen Unternehmer. „Das Arbeiten in diesem Haus ist angenehm“, sagt Johannes Lange, der die Mischung aus Professionellen und experimentierfreudigen „Anfängern“ sehr schätzt. So konnte er beispielsweise am 16. Dezember 2005 als Seiteneinsteiger an der Fotoausstellung in der Fotokantine im Christiania-Haus teilnehmen und experimentelle Fotos mit gescannten Motiven ausstellen. „Uns wird von den anderen geholfen, denn alle wissen, bei uns in der Wäschekammer wird noch experimentiert“, sagt Johannes Lange zuversichtlich. „Hier im Haus ist es nicht verkrampft und es geht nicht um die eigene Profilierung, sondern um ein angenehmes Miteinander.“


Die anderen drei Kollegen wollen sich nun entscheiden, ob sie bei diesem Experiment weiter dabei sein wollen. Der Verlag der schönen Dinge steht also noch ganz am Anfang, aber schon am Scheideweg.

Verlag der schönen Dinge
Kulturwirtschaftliches Innovationszentrum „Christiania“
Osloer Str. 16
13359 Berlin
Tel: 0162 4259888 (Johannes Lange)

Web: www.verlagderschönendinge.de

Stand: 10.01.2006 Autor: Joachim Faust