Ein Farbklecks, wo man ihn nicht erwartet: Bio Daily

Bio Daily - ein kleiner aber feiner Bioladen

Das Bio Daily in der Stettiner Straße in Gesundbrunnen

An einem grauen, regnerischen Tag leuchtet einem der in warmen Terrakottatönen gestaltete Laden in der Stettiner Straße 63 einladend entgegen. In einem Kiez, wo man es kaum erwarten würde, hat sich gegenüber Woolworth’s und neben einer Spielothek in einem denkmalgeschützten Haus aus dem Jahr 1864 einmit Lebensmittelverkauf angesiedelt. „Die Umgebung hier wartet auf so etwas“, sagt der Leiter des Bistros Arno Haßbargen. Dies klingt an diesem Standort verwunderlich, denn das Essensangebot und das Sortiment ist fast ausschließlich auf Bioprodukten aufgebaut. Trotzdem, davon ist der 42-Jährige überzeugt, gibt es immer mehr junge Familien und alteingessene „Ökos“ in Gesundbrunnen, auf die das Konzept von „Bio Daily“ zugeschnitten ist.

Ursprünglich sollten in dem Bistro jugendliche Schulabbrecher der Werkschule Berlin beschäftigt werden. Doch dieses Unterfangen schien dem Bildungsträger letztendlich zu gewagt. Lothar-Werner Pampuch und Arno Haßbargen gründeten daraufhin ihr eigenes Unternehmen,

Arno Haßbargen ist stolz auf das Backwarenangebot

„Zwei bis drei Mal die Woche schaue ich hier herein“, sagt ein junger Mann, der hier auf einen Kaffee vorbeigekommen ist. „Und das sagt doch schon alles“, fügt er noch hinzu, als er zu seiner Meinung über Bio Daily befragt wird . In der Tat: viele Stammkunden hat das im Juli 2009 eröffnete Bistro bereits. „Wir setzen auf Mund-zu-Mund-Propaganda“, erklärt Haßbargen. Ihm ist klar, dass ein Bioladen an diesem Standort eher auf eine langfristige Strategie setzen muss als auf einen schnell wachsenden Kundenkreis. Laufkundschaft ist abseits der geschäftigen Badstraße daher eher nicht zu erwarten, dafür umso mehr Kunden, die immer wieder kommen. Dazu trägt sicher auch die angenehme Atmosphäre des Ladens bei, in dem auch Zeit für ein persönliches Gespräch sein soll.

Fest im Angebot sind eine tägliche Suppe sowie ein wechselndes Mittagsgericht. Das Standbein des Biosortiments sind zum einen Molkereiprodukte, aber insbesondere auch die selbstgemachten Kuchen, Konditorei- und Backwaren. Das hat auch mit der persönlichen Geschichte von Arno Haßbargen zu tun. Nach einer abrupt beendeten Drogenkarriere hat er einen neuen Sinn im Leben gesucht. Als Markthändler für „Märkisches Landbrot“ hat er sich 2005 selbständig

Vielleicht ist es auch ein Glücksfall, an diesem schwierigen Standort etwas Unerwartetes zu wagen. Konkurrenz ist für das ambitionierte Geschäft jedenfalls weit und breit nicht in Sicht. „Ich empfinde diesen Laden als einen Farbpunkt, der aus der Masse heraussticht“, sagt Arno Haßbargen. Oder, wie er es auch ausdrückt: „Das ist, wie wenn die Sonne aufgeht“.

Das kleine, aber feine Biosortiment im Laden

Das kleine, aber feine Biosortiment

Das Bio Daily befindet sich in der Stettiner Str. 63 in Berlin-Gesundbrunnen und hat derzeit von 9-18 Uhr montags bis samstags geöffnet.

Mehr Geschichten von Menschen, die hier etwas bewegen.

Internetpräsenz des Bio Daily

Advertisements

War’s früher schöner?

Neulich im Stadtteilzentrum Pankow bei der Weihnachtsfeier von panke.info: Der Kneipier vom „Offside Wedding“ Lars Pechmann zeigt historische und aktuelle Fotos anhand eines Beamers. Er „führt“ die Besucher, die den warmen Raum nicht verlassen müssen, vom Humboldthain über den Bahnhof Gesundbrunnen mitten hinein in die Kieze des östlichen Weddings. Dabei werden räumliche und geschichtliche Zusammenhänge deutlich, die der Hobby-Heimatkundler sehr lebendig in eine Form zu packen weiß: der von ihm als Stilmittel eingesetzte ständige Vergleich von alten Fotos mit den heutigen Ansichten hat seinen ganz eigenen Reiz. Klar, man kennt viele der historischen Postkarten aus der „guten alten Zeit“. Doch wenn man sofort das heutige Bild dazu geliefert bekommt, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das Bild ganzer Straßenzüge in Gesundbrunnen arg ramponiert ist. Nicht (nur) aus sozialen Gründen, sondern besonders wegen der Zerstörung im Krieg (Himmelfahrtskirche) und nach dem Krieg (Kahlschlagsanierung). Ganz abgesehen von alten Glanzzeiten von Hertha BSC am alten Standort an der Plumpe, was Lars durch einen kurzen Strip untermalt – er trägt ein Hertha-Fanshirt mit der Aufschrift „Plumpe“. Wären sie heute doch noch an der Plumpe, mag man da einwerfen, wer weiß, vielleicht würden sie dann an alte glorreichere Zeiten anknüpfen?

Bei Interesse organisiert der Verein panke.info e.V. weitere Diavorträge mit Lars Pechmann. Auch in Lars‘ Bar „Offside Wedding“ in der Jülicher Straße 4 gibt es in unregelmäßigen Abständen weitere Vorträge.

Kiezeulen-Kita: Grenzgänger

Kitas im Wedding als Alternative zu überlaufenen Einrichtungen im benachbarten Prenzlauer Berg werden immer beliebter

Janine Wiefel ist über diesen Betreuungsschlüssel hoch erfreut: „Eine Erzieherin pro Kind – wo gibt’s denn sowas sonst?“ Paradiesische Bedingungen für Eltern in der neuen Kita „Kiezeulen“ in der Eulerstraße, wenn auch nur auf Zeit. Die Kita hat am 8.11.2007 neu eröffnet und es sind noch einige Plätze frei. Der Vorstandsvorsitzende des Trägers Kulturverein Prenzlauer Berg, Thilo Schlüßler, ist froh, mit der neuen Kita den Sprung in den Wedding gewagt zu haben. „Wir wollen hier neue Betreuungskonzepte entwickeln, wie zum Beispiel Früh- und Spätkita und wir verzichten auf Sommerschließzeiten. Wir wollen hier einen Leuchtturm starten!“ Für die neue Kita kann er sich sogar eine Betreuung über Nacht vorstellen, wofür das Bezirksamt allerdings noch eine Genehmigung erteilen müsste. Kiezeulen-Kita GebäudeDer Träger hat im gleichen Gebäude, einem denkmalgeschützten Neubau aus den 50er Jahren, auch die Geschäftsführung untergebracht. Auch die Pressesprecherin des Kulturvereins, Barbara Schwarz sieht in der Wanderung gen Westen vor allem eine Erweiterung des Aufgabenspektrums: „In unserer Kita in der Gleimstraße hatten wir schon lange großen Zulauf aus dem Wedding, aber wir wollen mehr Erfahrung sammeln für die Kinder- und Jugendarbeit mit Migrationshintergrund“. Die Weddinger Filiale als Chance für den Kulturverein, der noch vor wenigen Jahren vor der Insolvenz stand – so sieht es der Vorstandsvorsitzende: „Wir wollten die Gelegenheit nutzen, lange schlummernde Visionen in die Tat umzusetzen“, sagt Schlüßler. „Wir haben es durch den Wechsel des Bezirks jetzt ja auch mit einem anderen Bezirksamt zu tun, das uns den Schritt erleichtert hat.“

Kiezeulen-Kita ErzieherinnenOhne die Bereitschaft der Erzieherinnen wäre es natürlich aber auch nicht möglich gewesen, eine Filiale einer zwanzig Jahre alten Kita aus dem Prenzlauer Berg am Gesundbrunnen einzurichten. Die 43jährige Sibylle Werner und ihre 26 Jahre junge Kollegin Nicole Arms hatten schon vor den Umzugsplänen Ideen für neue Betreuungsformen entwickelt. „Wir haben sofort ja gesagt, als sich die Möglichkeit bot“, erzählen beide. „Wir hatten zwar keine Vorurteile über den Wedding, aber wir sind trotzdem überrascht, wie schön der Kiez hier ist.“ Zahlreiche Spielplätze an der Grüntaler Straße und viel Grün direkt vor der Haustür empfinden die beiden Erzieherinnen aus dem Prenzlauer Berg als traumhafte Bedingungen. Sie selbst wollen aber auch etwas ganz Neues ausprobieren: „Gerade in der Nähe des Gesundbrunnen-Centers und des Virchowklinikums werden wir berufstätigen Eltern eine Betreuung anbieten, die ihnen den Babysitter ersetzt.“

Kiezeulen-Kita Mutter und KindDie 13 Monate alte Kaisa wird daran noch nicht denken. Ihre Mutter Janina Wiefel war zunächst einfach nur froh, den Betreuungsplatz kurzfristig erhalten zu haben. „Ich wohne in Niederschönhausen, aber die Kita liegt perfekt auf meinem Arbeitsweg.“ Aber nicht nur praktische Gründe sprechen für die „Kiezeulen“: „Mir ist wichtig, dass auch Kinder aus anderen Kulturen hier sein werden, damit Kaisa später damit keine Probleme haben wird.“

Freie Plätze? mehr unter: http://www.kvpb.de/html/kiezeulen/index.html

P.S. Nachtrag: inzwischen wohnen beide Erzieherinnen im Wedding und die Kita hat sich räumlich noch erweitert. Eine Betreuung wird derzeit von 6 – 18 Uhr für alle Altersgruppen angeboten.


Kita Kiezeulen,  Eulerstraße 19, S-U-Bhf Gesundbrunnen

Tel. 030 446 777 32 oder kiezeulen@kvpb.de

Für 20 Ost-Pfennig durch den Westen – Alte Menschen aus dem Wedding erzählen

Früher war alles besser… sagen diejenigen, die den Kiez von damals noch kennen. Wie es wirklich war, erzählen zwei Senioren aus dem Domizil auf der Koloniestraße

„Irgendein Laster muss der Mensch ja haben“, sagt Eva Bittner und zündet sich eine Zigarette nach der anderen an. Ihre Augen leuchten auf, als sie beginnt, aus ihrem Leben zu erzählen. Die 69-jährige wohnt seit 16 Jahren im „Seniorenheim an der Panke“ in der Koloniestraße. Doch in den Soldiner Kiez hat es sie erst jetzt, durch das Seniorenheim, verschlagen. Aufgewachsen ist sie im Gebiet rund um die Reinickendorfer Straße.

Als die Panke noch sauber war
„Pankenwasser ist sauberes Wasser.“ An diesen Spruch erinnert sich Eva Bittner (Foto) noch. Dies nachzuvollziehen fällt heute schwer. Doch damals, so die 69-jährige, war die Panke ein idealer Kinderspielplatz. „Früher war alles besser“, sagt sie überzeugt. Arbeitsplätze gab es damals noch mehr im Soldiner Kiez. Nach dem Krieg, so erinnert sich Peter Muegge, waren viele Gewerbebetriebe in der Soldiner Straße ansässig. Der 62-jährige hat 19 Jahre dort als Schmied gearbeitet.

Ein ganz normaler Grenzgänger
Helmut Liedke (Foto) zog 1959 in die Koloniestraße. Davor pendelte er oft von Ost- nach West-Berlin. Spannend war für den 65-jährigen besonders die Zeit vor dem Mauerbau: Drei Schichten hat er damals im Lokomotivwerk Hennigsdorf gearbeitet. Das Geld, was er verdiente, hat er kapitalisiert: „Mein Ostgeld habe ich zum Kurs 8:1 auf der Straße in Westgeld getauscht“, erzählt er. Davon konnte er sich seine großen Leidenschaften leisten: „Westklamotten“, wie er sagt, und vor allem das Kino. Rund um die Badstraße gab es in den 50er Jahren viele Filmtheater.

Drehscheibe Gesundbrunnen
Nicht nur für Kinofans wie Helmut Liedke war der Bahnhof Gesundbrunnen günstig gelegen. Viele Ost-Berliner erstanden auf dem ausgedehnten Straßenmarkt nur im Westen erhältliche Waren – und waren danach mit der S-Bahn schnell wieder zurück im Osten. Vorsicht war jedoch geboten, erinnert sich Eva Bittner. „In der U-Bahn waren Zöllner unterwegs, die die Leute filzten“, erzählt sie. Auch sie hatte immer zwei Währungen in der Tasche. Ihr Mann, so erinnert sie sich, hatte als Hauswart wenig verdient. Sie mussten sparen. „Wir sind im Osten in die U-Bahn gestiegen und für 20 Pfennige Ostgeld billig durch den Westen gefahren“, sagt sie. Aber der Wohnsitz an der Grenze hatte auch andere Vorteile: „Die Schrippen aus dem Osten haben mir besser geschmeckt“, erzählt Bittner.

Nah am Osten
Eva Bittner hat in der Zeit des Mauerbaus in der Bernauer Straße gelebt. Die andere Straßenseite war der Osten. „Die Hausbewohner traten in den Westen, wenn sie aus der Haustür rausgingen“ erzählt sie fast beiläufig. In den Tagen des Mauerbaus sah Bittner ihre Nachbarn, wie sie sich mit Bettlaken aus dem Fenster abseilten. Und im Haus ihres Bäckers um die Ecke lag der berühmte Fluchttunnel, der 57 Menschen den Weg in den Westen bahnte.

Ein Kohlenberg in der Koloniestraße
Ihre Nachbarn, so erzählt Bittner, kannte sie ja vom Einkaufen. „Man kannte sich und hatte immer ein persönliches Wort füreinander übrig“, sagt sie. In den Markthallen, bei den Fleischern, Bäckern, in den Seifengeschäften in und um den Kiez hat jeder eingekauft. Doch nicht nur Lebensmittel wurden hier umgeschlagen. Nach der Berlin-Blockade 1948 lagerte die Senatskohlenreserve in der Koloniestraße. „Die Kohlen haben sich meterhoch gestapelt“, erinnert sich Helmut Liedke. Die Blockade haben Eva Bittner und Peter Muegge auch noch vor Augen: „Brot in die Pfanne, Zucker und Muckefuck drauf. Das haben wir damals oft gegessen. Wir haben sogar aus den Kartoffelschalen Puffer gemacht.“


Warten auf dem Sozialamt
Doch auch nach der Blockade ging es Eva Bittners alleinerziehender Mutter nicht viel besser: Sie war Putzfrau an der Osloer Straße, hatte aber oft auch keine Arbeit. „Wir haben keinen Pfennig Kohlengeld vom Arbeitsamt gekriegt“ erinnert sich Bittner. „Da haben wir fünf Stunden lang auf dem Sozialamt gesessen, bis wir aus dem Sonderfonds Kohlen bekommen haben.“ Sozialamt und langes Warten – das kennen die Menschen, die heute im Kiez leben, auch. Früher war vielleicht doch nicht alles besser – oder zumindest nicht so viel anders.

Stand: 20.04.2005 Autor: Joachim Faust