Tina Veihelmann – Eine Annäherung

Aus ganzen 104 Bewerbern hatte eine Jury für das Quartiersmanagement Soldiner Straße eine Kiezschreiberin ausgewählt. Wer ist sie, was macht sie – und was genau bedeutet eigentlich die Fahne mit der roten Kuh? Fragen, denen Kiezredakteur Joachim Faust auf den Grund ging. In Tina Veihelmanns Wohnung sieht es nach Arbeit aus. Im Mittelpunkt des spartanisch eingerichteten Zimmers steht das wohl wichtigste Arbeitsgerät einer Kiezschreiberin: ein Schreibtisch. Auch wenn der tatsächliche „Arbeitsplatz“ wohl eher auf den Straßen des Soldiner Kiezes liegen dürfte. Auf denen kann man die vor 36 Jahren in Bayern geborene Politikwissenschaftlerin seit diesem Sommer des öfteren antreffen, leicht zu erkennen an einer gelben Fahne mit einer roten Kuh. „Die Kuh hat einfach die Bedeutung, dass man mich nach der Bedeutung fragt“, erklärt Veihelmann. „Und damit kommt man leichter mit den Leuten ins Gespräch.“ Das ist für sie auch das Wichtigste an ihrer Arbeit. Kiezschreiberin zu sein erleichtert ihr den Zugang zu den Menschen. „Das schätze ich sehr“, sagt Veihelmann, „auch wenn ich aufpassen muss, die nötige Distanz zu halten.“ (Foto: Veihelmann mit ihrer Kuhfahne)

Kiezbewohner sind keine Patienten
Über Menschen schreiben, diesen Ausdruck benutzt sie so oft, dass man von ihr eigentlich nicht als Kiezschreiberin sprechen müsste, sondern als Menschen-Schreiberin. Es stört sie, wenn über die Kiezbewohner wie von Patienten gesprochen wird, denen geholfen werden muss. Auch wenn die Menschen, die sie trifft, häufig randständige Personen mit schwierigen Biographien oder berührenden Schicksalsschlägen sind:„Mich interessiert vielmehr, wie die Leute unter schwierigen Bedingungen leben, welche Strategien sie entwickeln, um zurechtzukommen“. Das spiegelt sich ihrer Meinung nach auch im Straßenbild wieder: „Die Leute gehen langsamer, haben viel Zeit, aber wenig Geld.“

Langjährige journalistische Erfahrung
Tina Veihelmann hat über viele Jahre journalistische Erfahrungen bei diversen Zeitungen gesammelt und zuletzt Porträts über Bewohner eines Dorfs an der polnischen Grenze veröffentlicht. Die vielen Dorfgeschichten ergaben ein Gesamtbild. Im Soldiner Kiez, hat sie bemerkt, funktioniert das nicht. „Der Soldiner Kiez ist wie ein Bild aus lauter übereinandergelegten Folien“, findet sie, „es gibt einfach kein Bild, das den Kiez als Ganzes beschreibt.“ Ihr schwebt vor, viele Porträts von Kiezbewohnern auf einer Litfasssäule in die Öffentlichkeit zu bringen: „Die Porträts sind nicht für die Außenwelt gedacht, sondern richten sich nach innen, in den Kiez.“ beschreibt Veihelmann ihr Projekt. Ihre Arbeit als Kiezschreiberin sieht sie nicht als die Erfüllung einer Chronistenpflicht. „Und ich schreibe auch nicht an dem großen Wedding-Roman“, betont Tina Veihelmann (Foto).

Angekommen im Kiez
So widersprüchlich die Begegnungen mit Kiezbewohnern sein mögen und die Arbeit Nerven kostet, fühlt sich Tina Veihelmann wohl im Kiez. „Mir gefällt die Abwesenheit von Reizen, die mich anspringen“, sagt sie, „und man sieht viele Kinder auf der Straße spielen.“ Sie wird jetzt auch schon von älteren und neueren Bekannten auf der Straße erkannt und gegrüßt. Doch da enden für sie schon die Parallelen mit einem Dorf: „Es gibt hier nicht diese Generationengeschichten, hier hängt nicht alles mit allem zusammen.“ Aber eines hat der Soldiner Kiez dank Tina Veihelmann inzwischen mit einem Dorf gemeinsam: es könnte einem durchaus passieren, dass man plötzlich mit einer Kuh konfrontiert wird.

Stand: 11.12.2006 Autor: Joachim Faust, Foto: JF

Tina Veihelmann schreibt heute für die Wochenzeitung „Der Freitag“.

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