Ist der Wedding im Kommen?

Die Galerie „Gold“ an einem Freitagabend im Januar: Dicht gedrängt sitzen die Besucher auf den Bänken vor den großen Schaufenstern. Ihre Rücken verdecken die Sicht ins Innere. Die Tür lässt sich nur um einen Spalt öffnen, drin ist kaum noch Platz für Neuankömmlinge. Auf einem Stuhl steht ein Mann und rezitiert eine Geschichte. Neben ihm spielt ein Saxophonist mal schrille, mal melodische Töne passend zum Text. Der Ort dieser zur Künstlerinitiative „Kolonie Wedding“ gehörenden Veranstaltung: die Prinzenallee im Wedding.

Farbtupfer im Wedding
Noch vor fünf Jahren, als Quartiersmanager Lukas Born mit seiner Familie in den Wedding zog, gab es das nicht: keine Auswahl, wenn es darum ging, abends auszugehen oder sich gar Kunst anzuschauen. Doch: „In den letzten drei Jahren hat sich viel bewegt. Die Kolonie Wedding, das Café Schraders, das LaLuz, die JatzBar sind entstanden“, sagt Born. „Der Wedding bekommt jetzt seine Farbtupfer, eine Kulturszene.“ Ist der Wedding also im Kommen?

Halbe Miete zieht an
Eine ganze Welle an Studenten ist in den vergangenen Monaten in den Soldiner Kiez gezogen. Die 60 „Neuen“ haben einen speziellen Vertrag mit der Wohnungsbaugesellschaft Degewo abgeschlossen. Der Anreiz: Sie zahlen für ein Jahr nur die halbe Miete. „Der niedrige Preis ist der Hauptgrund dafür, warum die Leute in den Wedding ziehen“, analysiert Born. „Hier gibt es noch Freiräume, die es woanders nicht mehr gibt. Und sie sind bezahlbar.“

Sicherer als in Charlottenburg
Anne Müller lebt seit vier Jahren im Wedding. Die Studentin freut sie sich nicht nur über eine bezahlbare Miete, sondern mag auch die Mischung der Bevölkerung: „Arbeiter, Ausländer, Studenten. In Sachen Kriminalität fühle ich mich hier sicherer als beispielsweise in Charlottenburg“, sagt sie. Ihre Freunde dagegen haben oft noch ein negatives Bild vom Stadtteil. Doch: „Wenn sie mich hier besuchen, werden sie eines Besseren belehrt“, erzählt Müller.

Für Ausländer reizvoll
Die finnische Studentin Suvi Piirtonen findet den Wedding für ausländische Neuankömmlinge gar reizvoll: „Sie schätzen nicht nur die niedrigen Mieten, sondern haben auch keine Berührungsängste. Sie wissen nicht, welches Viertel gerade angesagt ist und welches nicht. Der Wedding hat einfach etwas Natürliches. Man sieht dort zwar mehr Probleme, aber man kann eben auch nicht die Augen vor der Realität verschließen.“

Mode aus der Republik
„Wedding Dress“, eine andere von der Degewo initiierte Aktion, zog im Januar 2005 Modemacher und Künstler aus der ganzen Republik in elf leer stehende Läden in der Brunnenstraße. In einem Wettbewerb konnten sie sich als Existenzgründer präsentieren. – Die Gewinner bekommen ein Jahr lang einen Laden mietfrei zur Verfügung gestellt. Als einzige Künstlerin aus dem Wedding nahm Renate Deuter an dem Wettbewerb teil. Für sie ist es noch zu früh zu sagen, der Wedding sei „im Kommen“. Das könne jedoch schnell passieren. „Kreative suchen immer preiswerte Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten, darin liegt eine enorme Schubkraft“, sagt sie.

Cooler geworden
Heiko Schmidt ist einer dieser Kreativen. Seit kurzem hat er ein eigenes Café in der Schererstraße. Für ihn hat sich der Kiez schon merklich verändert. „Quantitativ und qualitativ sieht man mehr junge Leute auf der Straße. Die Bewohner sind mittlerweile einfach cooler geworden“, sagt er. Schmidt will etwas verändern, damit sein Wohnumfeld für ihn persönlich und für Gleichgesinnte attraktiver wird.

Verdrängen die „Coolen“ die Alteingesessenen?
Doch was passiert, wenn immer mehr „coole“ Leute in den Wedding ziehen? „Wenn ein Trend in Richtung Wedding geht, wird dies zwangsläufig zu Verdrängung führen“, befürchtet Renate Deuter. Doch dazu werde es nicht kommen, meint Stadtentwicklungsexperte Born. „Es gibt einen riesigen Leerstand an Wohnungen und Läden. Der muss erst mal aufgefüllt werden. – Und das dauert noch sehr lange.“ Bis dahin, so Deuter, „freuen sich die Leute, dass endlich etwas passiert.“ Dann ist es schon einmal kein schlechter Anfang, wenn Galerien und Kneipen gut besucht sind.

Stand: 04.03.2005 Autor: Joachim Faust/ka