Radtour am Mauerweg (Wedding/Prenzlauer Berg)

In unserem neuen Touren-Portal http://panke.info/pages/portal-touren.php wird unter der Tour C 2 eine Radtour vom Mauerpark in Richtung Panke und Schönholz beschrieben.

Bei der Eröffnung des entscheidenden Teilstücks, das die Lücke zwischen Prenzlauer Berg, Pankow und Wedding schloss, erschien folgender Artikel:

Seit August 2004 endet die Grüntaler Straße an ihrem Nordende nicht mehr stumpf an der S-Bahn. – Eine neue Trasse ermöglicht Fußgängern und Radfahrern wieder die historische Verbindung zwischen dem Wedding und der Esplanade in Pankow. Neu errichtet wurde dafür nur ein kleiner Teil unter den beiden S-Bahn-Unterführungen. Im Jahr 2001 haben Senat und Abgeordnetenhaus beschlossen, die 160 km lange Strecke entlang der ehemaligen Berliner Mauer als Rad- und Fußweg zu erhalten. Wo erforderlich, sollte der Weg durch Lückenschlüsse ergänzt werden. Für dieses von ihm initiierte Projekt hat sich der Grünen-Politiker Michael Cramer, heute Europaabgeordneter in Brüssel, jahrelang mit viel Energie eingesetzt: „Es hat sich in den letzten Jahren eine ganze Menge getan“, sagt Cramer. „Eine der spektakulärsten Verbesserungen war dabei die Unterquerung der Bahnstrecken nördlich der Bornholmer Straße und die Verbindung von der Norwegerstraße zum Schwedter Steg.“

Weltweites Interesse
Außerhalb Berlins finden seine Vorträge über den weltweit einmaligen Mauerweg großes Interesse, sogar in New York. Und was Cramer besonders wichtig für die Bekanntheit des Mauerwegs ist: der Weg ist größtenteils schon ausgeschildert. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hat außerdem angekündigt, für 3,5 Millionen Euro die gesamten 160 km noch im Jahr 2005 fertig zu stellen. Und wer einmal den ganzen Weg abfahren möchte, kann auf Michael Cramers Broschüre „Mauerstreifzüge“ oder auf den „Bikeline“-Routenführer vom Verlag Esterbauer zurückgreifen.

Fahrradverkehr in der Stadt fördern
Der Mauerweg genießt also von Seiten des Senats eine gewisse politische Priorität – auch, um den Fahrradverkehr in der Stadt zu fördern: „Der Weg stellt eine alte durch den Mauerbau unterbrochene Verbindung wieder her“, heißt es in der Presseerklärung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Finanziert wird das Projekt zum Großteil durch den Bund und die Europäische Union. Zwischen Wedding und Pankow, südlich des so genannten „Nassen Dreiecks“, kamen noch Mittel der Deutschen Bahn hinzu, die dort eine Grünfläche als Ausgleichsmaßnahme für andere Bauprojekte anlegen ließ.
(Foto: Bösebrücke am S-Bahnhof Bornholmer Straße/ehemalige Grenze)

DDR-Betonkübel denkmalgeschützt
Stefan Wallmann (Foto) war als Landschaftsarchitekt für den Lückenschluss zwischen Wedding und Pankow mitverantwortlich. „Das Grundprinzip der Verlängerung der Grüntaler Straße war die Erhaltung des Straßencharakters mit Gehweg, Bordstein und Fahrbahn“, sagt Wallmann. Daher gibt es unter den Brücken auch keine Pflanzen. Der Pankower Teil des Projekts hat hingegen eher Grünflächencharakter. Die Betonkübel vor der Esplanade aus DDR-Zeiten sind denkmalgeschützt und mussten daher in die Gestaltung integriert werden. Wallmann ist außerdem noch für weitere 65 km des Mauerwegs zuständig, wobei er insgesamt nur wenig gestalterischen Spielraum sieht: „Es geht eher darum, Verbindungen wieder herzustellen und alte Spuren wieder nutzbar zu machen“ erklärt der Planer. „Um Hinweise auf historisch bedeutsame Punkte in der früheren Grenzanlagen, geht es beim Mauerweg nicht“, sagt Wallmann. „Auf Initiative der Kiezbewohner könnten jedoch Hinweisschilder entwickelt werden, die auf historische Stellen aufmerksam machen.“ So führt der Weg beispielsweise unter der Bösebrücke hindurch, wo am 9. November 1989 der erste Grenzübergang geöffnet wurde.

Kirschbäume aus Asien
Der neue Weg verbindet nicht nur West mit Ost, sondern auch Europa mit Asien. Viele der Kirschbäume am Mauerweg sind nämlich von der japanischen Sakura-Stiftung kurz nach der Wiedervereinigung angepflanzt worden. Finanziert wurden sie durch Spenden japanischer Bürger, auch die im Jahr 2004 neu angepflanzten Bäume. Nicht nur sie dürften für die Bewohner des Soldiner Kiez guter Grund sein, die neue Grünanlage zu nutzen – bislang galt das Areal für den Senat höchstens als „durch den Grenzverlauf deutlich benachteiligter Stadtbereich“.
(Foto: Widmungsstein für die japanischen Kirschbäume)

Mauerweg in der Nähe des Soldiner Kiez
Der Berliner Mauerweg beginnt am S-Bahnhof Wollankstraße und führt dahinter durch eine Hain an Kirschbäumen bis zum Pankeradweg.
Am Ende der Grüntaler Straße an der S-Bahntrasse führt die Unterführung zum Mauerweg in Richtung Bösebrücke und Prenzlauer Berg.

AKTUELLE ERGÄNZUNG:
Auf http://panke.info/pages/portal-touren.php gibt es viele Tourenvorschläge und eine Radtour die Panke entlang. Unbedingt mal nachlesen!

Stand: 03.05.2005 Autor: Joachim Faust Fotos: JF/ka

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Zur Erholung in die Kolonie

 

Der Sommer kommt bestimmt! In Berlin ist dann wieder Kleingartenzeit. Diese „Oasen“ gibt es an der Panke wie in kaum einem anderen innerstädtischen Gebiet. Zeit, einen Blick hinter die Kulissen zu wagen….

Man hört Vogelgezwitscher, Schmetterlinge flattern umher, nur vereinzelt sind entfernte Stimmen zu vernehmen, von Großstadtlärm keine Spur. Hunderte Berliner schätzen den Soldiner Kiez – als Erholungsort. Genauer gesagt entspannen sie sich in den zahlreichen Parzellen der Kleingartenkolonien, die es an der Panke oder zwischen Koloniestraße und Provinzstraße gibt. Die hiesigen Kleingärtner wohnen meist im Soldiner Kiez oder den unmittelbaren Nachbarvierteln und verbringen jede freie Minute auf ihrer Parzelle. „Man muss ja auch immer da sein, zum Beispiel zum Gießen“ erklärt Frau Hedzek. Sie und ihr Mann wissen ein Lied davon zu singen, wie viel Arbeit der Garten macht und wie hoch die Nebenkosten mittlerweile zu Buche schlagen. Aber die Nähe zu ihrer Wohnung an der Wollankstraße und die Gemeinschaft mit den anderen Kleingärtnern sind gute Gründe dafür, dass die beiden Rentner ihre Freizeit gerne im Garten verbringen. Junge Familien, für die das Kleingartenwesen besondere Vorteile bieten kann, sind in den Kolonien indessen weniger zu finden. Kati und Torsten Lichtblau sind Anfang 30 und haben zwei Kinder im Alter von 4 und 7 Jahren. „Wir wurden von Wohnungsnachbarn auf das Thema Kleingarten angesprochen, haben uns aus dem Bauch heraus für die Parzelle entschieden und den Entschluss nicht eine Sekunde bereut“, sagt Kati Lichtblau. Während sie erzählt, erkunden ihre Kinder, wie sich eine Schnecke bewegt, die sie im Garten gefunden haben. „Klar wünschen wir uns mehr Leute mit kleinen Kindern in der Kolonie“, sagt die Mutter. Ihre Tochter ist sogar das einzige Mädchen in der ganzen Anlage. Schließlich kommt man über die Kinder schnell mit den anderen Bewohnern ins Gespräch. In ihrer Kolonie sind jedoch höchstens 10 % unter 40 Jahre alt, schätzen die Lichtblaus. „Wer sich für einen Kleingarten entscheidet, muss sich über einige Einschränkungen bewusst sein“, sagt Torsten Lichtblau. „Es ist etwas anderes als das eigene Haus mit Garten.“ Es werde Teilnahme am Vereinsleben und die Ableistung von Gemeinschaftsarbeit erwartet, von zahlreichen Vorschriften und Verboten ganz zu schweigen. Einige erläutert Joachim Stolz, 46 Jahre alt, Vorstand des Kleingartenvereins „Eintracht an der Panke“:6851_pic.jpg „Ein Drittel der Parzelle ist mit maximal 24 m2 die Laube, Rasenfläche ein weiteres Drittel, der Rest Obst- und Gemüseanbau.“ Gerade der Anbau von Pflanzen, dem ursprünglich der Selbstversorgungsgedanke zugrunde lag, ist jedoch für Stolz ein Grund mehr, junge Familien anzuziehen: „Kindern macht es Spaß, einen Bezug dazu zu bekommen, wo das Obst und das Gemüse herkommt. Kinder gehören einfach zum Kleingartenwesen dazu!“ Stolz versucht daher, jüngere Leute für seine Anlage zu begeistern. „Geeignet ist, wer etwas für die Gemeinschaft einbringen kann, zum Beispiel eine besondere handwerkliche Begabung“, erklärt der Vorsitzende. „Wer sich nicht gerne in eine Gemeinschaft einfügt und Vereinsleben nicht mag, ist jedoch fehl am Platze.“ Dies wird jedem Interessenten in Vorgesprächen genau erläutert. „Vor dem Mauerfall gab es noch lange Wartelisten“, so Joachim Stolz. Heute ist es leichter, an eine Parzelle zu kommen. Entscheidend ist aber, ob man die Abstandszahlung für die Laube bezahlen kann. Die Pacht selbst beträgt in der „Eintracht“-Kolonie keine 100 Euro im Jahr, für die Nebenkosten an Wasser, Abwasser und Müllabfuhr sind noch einmal 500 Euro zu rechnen. Was die Allgemeinheit davon hat, zeigt Joachim Stolz an einem Beispiel: „Die Leute aus dem Seniorenheim an der Panke kommen gerne zu uns und erfreuen sich an den Gärten“. Schließlich seien gepflegte Gärten auch eine Bereicherung für den Kiez und wirkten der Verwahrlosung entgegen. Wie andere Kleingärtner ärgern sich die Lichtblaus darum ein wenig über das Ansehen der Kleingärtner: „In unserem Freundeskreis werden wir schief angeguckt, auch wenn die Bekannten gerne und lange in unserem Garten sitzen“, erklärt Torsten Lichtblau. Der Garten, wo man sich nach einem Arbeitstag entspannt, gehört für die Familie einfach zum Alltag wie die Wohnung.

Aller Vorteile zum Trotz: es scheint noch viele freie Kleingärten zu geben, und eine Verjüngungskur durch Familien mit Kindern steht noch aus – im Gegensatz zu den Kleingärten im benachbarten Prenzlauer Berg.6852_pic.jpg

Wedding Day

Der Wedding lebt – das Netzwerk aus Akteuren in Kultur, Medien, Wirtschaft und Sozialem wollte dem Namen wahres Leben einhauchen und organisierte den ersten „Wedding Day“ am 27. August. 67 Weddinger Firmen, Einrichtungen und Initiativen kamen zusammen. Neben den Veranstaltern Deutsche Welle, Degewo, GSG und Kaplan Döner präsentierten sich auch die Quartiersmanagemente im Wedding. Wie Birgit Sommer, Sprecherin des Netzwerks Der Wedding lebt, erklärt, haben die Sponsoren einen Betrag „im unteren fünfstelligen Bereich“ für das Ereignis springen lassen. – Und schätzungsweise 9000 Besucher erhielten bei sommerlichem Wetter auf dem ehemaligen AEG-Gelände den Beweis dafür, dass der Wedding tatsächlich quicklebendig ist.

I love Wedding
Am Stand von Kurort Wedding gehen die „I love Wedding“- Aufkleber für zehn Cent wie warme Semmeln weg. Mit dem „Kurort“ wird das Netzwerk aus Kneipen und Galerien bezeichnet, das in unregelmäßigen Abständen 13 Veranstaltungsorte für eine Nacht unter einen Hut bringt. Organisiert werden die Events von Leuten wie Aaron Ghantus. Der 23-jährige gehört zum Kunstverein Mastul und wohnt seit vier Jahren im Stadtteil. Aaron nennt sich selbst einen Weddinger Lokalpatrioten. „Mittlerweile sind die Straßen belebt, es passiert was, man kann viel machen.“ Zum Beispiel beim „Kurort“, den es am 24. September wieder gibt.

Wohnzimmeratmosphäre
„Der Wedding ist stur und wird nie zum Prenzlberg“, davon ist Aaron überzeugt. „Hier wird es nie ums große Geld gehen.“ In den neu entstandenen Kneipen bleibt es familiär, persönlich – „Wohnzimmeratmosphäre“, nennt Aaron das. „Das Einzige, was wir nicht hinkriegen werden, ist Neon-Glamour.“ Der Kurort Wedding hat auf dem AEG-Hof tatsächlich eine kleine Wohnzimmerecke hingestellt, fern von jedem Chic, aber dank Sofas und Mustertapete gemütlich. Der ideale Platz, um ein Bier vom benachbarten Stand des Eschenbräu zu trinken und über den Wedding zu quatschen: „Im Wedding gibt’s keine Etepetete-Galerie, keine geschwellte Brust und jede Menge Bodenhaftung“, findet Aaron.

Stadtteil mit „Schmunzelcharakter“
Noch mehr Beteiligung und vor allem offene Türen von türkischen Kulturvereinen, das wünscht sich Aaron Ghantus. Ansonsten habe der Wedding vor allem „Schmunzelcharakter“, wie er es formuliert. Will heißen: Die Leute schmunzeln, wenn man sagt, dass man im Wedding wohnt. Was jedoch am Wedding so besonders ist, kann Jörg Haberland am Stand von Stattreisen historisch und architektonisch belegen. Das im Jahr 1983 auf der Soldiner Straße gegründete Unternehmen, das in ganz Berlin mit geführten thematischen Stadtspaziergängen bekannt wurde, bietet am Wedding Day Führungen durch das alte AEG-Werksgelände an. Und an anderen Tagen auch eine Neuauflage der allerersten Tour, zum Thema „Roter Wedding“.

Mitten in Berlin und doch unbekannt
„Berliner und Berlinbesucher sollen den Wedding, eine Perle, wie ich finde, kennenlernen“, sagt Jörg Haberland, und dazu könne eine solche Veranstaltung durchaus beitragen. „Es fing damit an, dass der Hauptsponsor des Tages, der Auslandssender Deutsche Welle, sich seiner Lage im Wedding bewusst geworden ist. Und plötzlich merkte man: Wedding ist zentral, es kennt ihn nur niemand“: Das dürfte zumindest nicht an
Stattreisen e.V. liegen, einem Verein, der sich nicht nur am Wedding Day zu seinen Wurzeln bekennt.

Mehr als Döner
Ein Pärchen aus Reinickendorf hat im Radiosender RS2, der seinen Sitz neben dem Festhof hat, vom Wedding Day gehört. Die junge Frau hat 24 Jahre im Wedding gewohnt und ist dort vor kurzem weggezogen: „Es wird immer schlimmer“, findet sie – was sie aber nicht davon abgehalten hat, doch mal vorbeizuschauen. Genau darauf setzt Schahizad Derakhshan vom Kulturzentrum Lichtburgforum am Gesundbrunnen: „Original-Berliner möchten nicht im Wedding wohnen, sind aber neugierig. Es sind die Neuzugezogenen, die sich im Wedding auf Anhieb wohl fühlen und zu den Veranstaltungen im Lichtburgforum kommen.“ Das Lichtburgforum hat das Netzwerk Der Wedding lebt mit auf die Beine gestellt, gerade weil der Wedding einen Anschub nötig habe, wie Derakhshan findet: „Wir machen ein großes Fest und zeigen: Hier gibt’s nicht nur Döner.“

Rekordverdächtig
Aber dass es nicht ganz ohne Döner zugeht, ist Remzi Kaplan, Chef der gleichnamigen Döner-Kette mit Sitz im Wedding, zu verdanken. „Der Wedding braucht Feste wie dieses“, sagt er und gibt von Seiten seiner Firma volle Unterstützung. Dies bedeutet bei ihm: 581 kg Dönerfleisch, auf einem Tisch mit Spieß stolze 2,06 Meter hoch und 1,30 Meter breit. Damit wurde wohl der Weltrekord im Dönerspießdrehen beim Wedding-Day aufgestellt. Kaplan hofft, dass die Geschäftsleute zukünftig einmal im Jahr ein solches Fest organisieren können. Denn Wedding Day, das heißt nicht nur für ihn in erster Linie: „Wenn Döner, dann richtig fett.“

Stand: 09.09.2005 Autor: Joachim Faust

Wedding hat gewählt

 

„Ausverkauft.“ – Gnadenlos wurden die Zuspätge-kommenen an der Kasse abgewiesen: Obwohl am Abend des 19. Mai noch die Sonne schien, war das Prime Time Theater bis auf den letzten Platz besetzt. Wedding suchte den Volksschauspieler, die Wahl wollte sich keiner entgehen lassen. Über neun Wochen hinweg hatten die Prime-Timer Constanze Behrends und Oliver Tautorat öffentliche Castings gehalten. Immer wieder stellten sich jeden Donnerstag arbeitslose Schauspieler dem Votum des Publikums, mussten Szenen improvisieren, Dialoge erfinden. Die zwei Besten sollten einen Job im Prime Time Theater bekommen.

Bunte Jury
Neun Kandidaten schafften es schließlich in die Endrunde. Sie mussten sich einer bunt zusammengewürfelten Jury stellen: den zwei aus der Serie „Gutes Wedding schlechtes Wedding“ bekannten Figuren Heidemarie Schinkel (Constanze Behrends) und Claudio Fabriggio (Oliver Tautorat), Katja Proxauf von der Schauspielagentur „plusC Partner für Schauspiel“, Pfarrer Thomas Gärtner sowie einer Dame aus dem Publikum. Eigentlich hätte eine noch am gleichen Tag auf der Straße angesprochene Frau in der Jury sitzen sollen, doch sie hatte wohl der Mut verlassen.

Rudis Redeflüsse
Sie wäre in der Jury wohl auch ein wenig untergegangen, denn weder die jungen Talente noch die Laien in der Jury standen bei der dreistündigen Show allein im Mittelpunkt. Moderator Rudy van den Grachtenhoven, stilecht mit Perücke und Anzug ausgestattet, beide gleichermaßen schlecht sitzend, führte souverän und alle Aufmerksamkeit auf sich ziehend durch den Abend. Nur die beiden anwesenden Prime-Time-Stars konnten seinen Redefluss von Zeit zu Zeit unterbrechen: in ihrer Rolle als schnippische Leiterin des Arbeitsamts Wedding glänzte Constanze Behrends, wobei sie auch als Requisite in Form einer krächzenden Krähe dienen durfte. Oliver Tautorat als verhinderter Erfolgsregisseur aus dem Prenzlauer Berg musste immer mal „eben ausholen“, um seinen Senf wortreich, aber nichtssagend zu jedem Thema dazuzugeben.

Äußerstes verlangt
Da kamen die neun Anwärter auf den Gewinnertitel schnell unter die Räder, auch wenn die ihnen gestellten Aufgaben Äußerstes abverlangten. So mussten sie unter anderem die englische Königin auf Besuch in Uganda darstellen und dabei Heinrich Heines Loreley in ihr Spiel einbinden oder die Ballade in die Darstellung einer Grundschullehrerin beim Aufklärungsunterricht einfließen lassen..

Miss Piggy will Kermit
Improvisation war dann auch in der zweiten Runde gefragt, in der sich die Kandidaten in Zweiergruppen an Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“ versuchten mussten. Recht komisch geriet die Auflage, die Rollen als prominente Pärchen darzustellen. So konnte man Siegfried und Roy beim Anbändeln oder Miss Piggy beim Versuch, Kermits Herz zu gewinnen, beobachten. Spätestens bei diesen Darstellungen kochte die Stimmung stellenweise über und der Klamauk auf der Bühne bügelte die gelegentlichen Längen des dreistündigen Spektakels aus.

Die Gewinnerinnen
Die letzte Darstellung des Shakespeare-Stoffes durch „Barbie“ und „Ken“ war der Höhepunkt der Komik und dürfte am Ende auch zum Gewinn der beiden Schauspielerinnen Christiane Reichert und Anja Kleinhans (Foto) beigetragen haben. Beide werden in der am 9. Juni 2005 startenden live Unterhaltungs-, Talk- und Spielshow „DonnersTalk“ mit Rudi van de Grachtenhooven mitspielen. Spontan – und natürlich völlig improvisiert – wurde auch eine Dritte, nämlich Andrea Reichel, in die Riege der Prime Timer aufgenommen. Sie tritt ab August in der Sitcom „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“ auf.

Stand: 23.05.2005 Autor: Joachim Faust Fotos: Ralf Weißheimer

 

Ist der Wedding im Kommen?

Die Galerie „Gold“ an einem Freitagabend im Januar: Dicht gedrängt sitzen die Besucher auf den Bänken vor den großen Schaufenstern. Ihre Rücken verdecken die Sicht ins Innere. Die Tür lässt sich nur um einen Spalt öffnen, drin ist kaum noch Platz für Neuankömmlinge. Auf einem Stuhl steht ein Mann und rezitiert eine Geschichte. Neben ihm spielt ein Saxophonist mal schrille, mal melodische Töne passend zum Text. Der Ort dieser zur Künstlerinitiative „Kolonie Wedding“ gehörenden Veranstaltung: die Prinzenallee im Wedding.

Farbtupfer im Wedding
Noch vor fünf Jahren, als Quartiersmanager Lukas Born mit seiner Familie in den Wedding zog, gab es das nicht: keine Auswahl, wenn es darum ging, abends auszugehen oder sich gar Kunst anzuschauen. Doch: „In den letzten drei Jahren hat sich viel bewegt. Die Kolonie Wedding, das Café Schraders, das LaLuz, die JatzBar sind entstanden“, sagt Born. „Der Wedding bekommt jetzt seine Farbtupfer, eine Kulturszene.“ Ist der Wedding also im Kommen?

Halbe Miete zieht an
Eine ganze Welle an Studenten ist in den vergangenen Monaten in den Soldiner Kiez gezogen. Die 60 „Neuen“ haben einen speziellen Vertrag mit der Wohnungsbaugesellschaft Degewo abgeschlossen. Der Anreiz: Sie zahlen für ein Jahr nur die halbe Miete. „Der niedrige Preis ist der Hauptgrund dafür, warum die Leute in den Wedding ziehen“, analysiert Born. „Hier gibt es noch Freiräume, die es woanders nicht mehr gibt. Und sie sind bezahlbar.“

Sicherer als in Charlottenburg
Anne Müller lebt seit vier Jahren im Wedding. Die Studentin freut sie sich nicht nur über eine bezahlbare Miete, sondern mag auch die Mischung der Bevölkerung: „Arbeiter, Ausländer, Studenten. In Sachen Kriminalität fühle ich mich hier sicherer als beispielsweise in Charlottenburg“, sagt sie. Ihre Freunde dagegen haben oft noch ein negatives Bild vom Stadtteil. Doch: „Wenn sie mich hier besuchen, werden sie eines Besseren belehrt“, erzählt Müller.

Für Ausländer reizvoll
Die finnische Studentin Suvi Piirtonen findet den Wedding für ausländische Neuankömmlinge gar reizvoll: „Sie schätzen nicht nur die niedrigen Mieten, sondern haben auch keine Berührungsängste. Sie wissen nicht, welches Viertel gerade angesagt ist und welches nicht. Der Wedding hat einfach etwas Natürliches. Man sieht dort zwar mehr Probleme, aber man kann eben auch nicht die Augen vor der Realität verschließen.“

Mode aus der Republik
„Wedding Dress“, eine andere von der Degewo initiierte Aktion, zog im Januar 2005 Modemacher und Künstler aus der ganzen Republik in elf leer stehende Läden in der Brunnenstraße. In einem Wettbewerb konnten sie sich als Existenzgründer präsentieren. – Die Gewinner bekommen ein Jahr lang einen Laden mietfrei zur Verfügung gestellt. Als einzige Künstlerin aus dem Wedding nahm Renate Deuter an dem Wettbewerb teil. Für sie ist es noch zu früh zu sagen, der Wedding sei „im Kommen“. Das könne jedoch schnell passieren. „Kreative suchen immer preiswerte Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten, darin liegt eine enorme Schubkraft“, sagt sie.

Cooler geworden
Heiko Schmidt ist einer dieser Kreativen. Seit kurzem hat er ein eigenes Café in der Schererstraße. Für ihn hat sich der Kiez schon merklich verändert. „Quantitativ und qualitativ sieht man mehr junge Leute auf der Straße. Die Bewohner sind mittlerweile einfach cooler geworden“, sagt er. Schmidt will etwas verändern, damit sein Wohnumfeld für ihn persönlich und für Gleichgesinnte attraktiver wird.

Verdrängen die „Coolen“ die Alteingesessenen?
Doch was passiert, wenn immer mehr „coole“ Leute in den Wedding ziehen? „Wenn ein Trend in Richtung Wedding geht, wird dies zwangsläufig zu Verdrängung führen“, befürchtet Renate Deuter. Doch dazu werde es nicht kommen, meint Stadtentwicklungsexperte Born. „Es gibt einen riesigen Leerstand an Wohnungen und Läden. Der muss erst mal aufgefüllt werden. – Und das dauert noch sehr lange.“ Bis dahin, so Deuter, „freuen sich die Leute, dass endlich etwas passiert.“ Dann ist es schon einmal kein schlechter Anfang, wenn Galerien und Kneipen gut besucht sind.

Stand: 04.03.2005 Autor: Joachim Faust/ka