An einem Sonntag in Pankow

Es ist noch nicht zu spät

0-PT-090918-Suedpanke002Als wir vier Minuten zu spät am Pankower Garbaty-Platz eintreffen, steht schon eine kleine Gruppe von Interessierten um Martin Riewestahl. Der wortgewandte Stadtführer mit Hut, der uns an diesem  Sonntag seinen Heimatkiez vorstellt, erklärt gerade von den jahrzehntelangen krampfhaften  Bemühungen um eine Verschönerung des Vorplatzes vom S-Bahnhof Pankow. Potenzial wäre da, sicherlich, alleine mit der Umsetzung tut man sich schwer.
Einige Meter weiter dasselbe Bild: Aus den Wandabsätzen einer ehemaligen Zigarettenfabrik von beeindruckender Größe wachsen Bäume und verdecken eingeworfene Fensterscheiben und abgebröckelten Putz. Die vergoldeten Fassaden-Einlagen, die uns Martin auf alten Postkarten zeigt, erzählen von einer Zeit, als der Fabrikbesitzer Garbaty über 500 Menschen beschäftigte und ihnen Sozialprogramme bot, die ihrer Zeit weit voraus waren. Kurz nach der Wende – das in der DDR zum VEB Berliner Zigarettenfabriken verstaatlichte Unternehmen war bereits an die US-amerikanische Reynolds-Gruppe verkauft worden – künden die  Kamele der Camel-Zigarettenmarke von der Durststrecke, die vor der gewaltigen Industriebrache liegen würde. Auch hier gab es bereits viele Ideen für eine Nachnutzung, alleine die Umsetzung…

Pankower –  fast von Geburt an

Weit besser stellt sich die Situation für das gleich um die Ecke gelegene Krankenhaus Mariä Heimsuchung dar. Schon zu „Ost-Zeiten“ hatte die Klinik einen hervorragenden Ruf als Geburtsklinik und trotz sinkender Geburtenrate konnte die Entbindungsquote bis heute kontinuierlich gesteigert werden. Als er erzählt, dass er selbst – der Ur-Pankower – in Kaulsdorf zur Welt kam, wirkt Martin fast etwas beleidigt. Gerade diese emotionalen Erinnerungen an seine Kindheit, machen den Rundgang mit dem 28-jährigen „Stadtbilderklärer“ (so nannte man die Touristen-Führer in der DDR) zu einem besonderen Erlebnis. Gekonnt spannt er den Bogen von der Kindheit im Arbeiter- und Bauernstaat zu den Chancen und Herausforderungen der Neuzeit. Schöne Erinnerungen mischen sich mit kritischem Rückblick: Der Balkon der Freundin mit Ausblick auf den FKK-Bereich des Pankower Freibads; dem Ort, in dem er bereits als kleines Kind im Sportleistungsprogramm seine Schwimmausbildung absolvieren durfte – musste. Dass nach der Wende der Pankower Polizei das Freibad kostenfrei als Betriebssportgelände zur Verfügung gestellt wurde, um Besucherkonflikten zwischen Alt-Eingesessenen und „West-Besuchern“ elegant die Spannung zu nehmen, solche Anekdoten liest man sich nicht an, die hat man miterlebt. Sie sind Leitlinie und Schwungrad für die vielen Fakten, die Martin selbstverständlich auch beherrscht – die aber nie trocken runtergeleiert werden. „Ich bin Perfektionist, leider“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Heimatkunde ist sein Hobby und wenn doch eine Frage unbeantwortet bleibt, so spürt man, dass dies nur einen Ansporn für weitere Recherchen darstellt.

Keine Tour für Busladungen von Touristen

Der durch die Panke stakende Graureiher im Park neben dem Schloss ist eben keine Attraktion für eilige Bus-Reisegruppen. Ob die erwarteten Besuchermassen des Niederschönhausener Schlosses für detaillierte Einblicke in den Mini-Kosmos „Kiez“ zu begeistern sind, bleibt abzuwarten. Werden sie erfahren, dass der verfallende Betonklotz auf dem geplanten Busparkplatz einst Teil des Staats-Gästehauses der DDR war, und zudem ein einmaliges Beispiel für Stahlbeton-Architektur darstellt? Vermutlich wird solchen „Nebensächlichkeiten“ zwischen touristischen Highlights wie Schlosspark und Majakowski-Ring – ehemals abgeriegelte „heile Welt“ der Bonzen und Mächtigen der Ost-Berliner Republik – nur wenig Platz eingeräumt werden. Andererseits macht gerade das den Reiz der zweistündigen Tour aus – sie macht aufmerksam auf das Besondere im Unscheinbaren. Spaziergänge kann man nicht mit dem Bus machen, und einen Martin mit Mikrofon mag man sich auch nicht so richtig vorstellen. Denn ob er dann zum Abschluss noch zum Kaffee ins versteckt gelegene Frühstückslokal mitkäme….

Wer erfahren möchte wie die Florastrasse zu ihrem blumigen Namen kam, wo sich in Pankow die vier Temperamente auf engstem Raum wieder finden und warum Lotte Ulbricht ihr Haus verlassen musste: panke.info bietet regelmäßig Stadtführungen in den Kiezen rechts und links des letzten Nebenflusses der Spree an.

Autor: Marcus Bauer

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