Grundschulen als Oase

Mit Beginn des neuen Schuljahrs 2005/2006 trat eine Reform des Berliner Grundschulsystems in Kraft, die den Schulen erhebliche Veränderungen bringen wird. So werden die Vorklassen abgeschafft und an die Kitas verlagert. Auf Rückstellungen wegen fehlender Schulreife wird verzichtet. Im Gegenteil: Schon die Fünfeinhalbjährigen werden eingeschult. Allein im Bezirk Mitte kommen daher 4200 statt regulär 2700 Kinder in die Schule. Die Horte, die bisher in die Zuständigkeit der Kitas fielen, werden außerdem den Grundschulen angegliedert. Statt in die erste Klasse treten die ABC-Schützen jetzt in die „flexible Schulanfangsphase“ ein, bei der gleich zwei Jahrgänge gemeinsam unterrichtet werden. Die Schulen müssen zudem für alle Kinder Lernstandsanalysen fertigen, um den individuellen Förderbedarf zu ermitteln. (Foto: Schüler der Wilhelm-Hauff-Schule)

Maximum an Bildung
Auch die drei Grundschulen des Soldiner Kiez sehen sich diesen Änderungen gegenüber gestellt, die alle im August 2005 greifen. Die Direktorin der Carl-Kraemer-Grundschule, Christine Frank-Schild, befürwortet die Reformen, befürchtet aber: „Dass alles zum gleichen Zeitpunkt in Kraft tritt, ist zu viel auf einmal.“ Das sozial schwierige Umfeld – mindestens 80 % der Schüler sprechen Deutsch nicht als Muttersprache – stellt außerdem eine dauerhafte Herausforderung dar, der die Schulen mit unterschiedlichen Mitteln begegnen. Für Frank-Schild ist klar: „Speziell in unserem Kiez ist ein Maximum an Schulangeboten erforderlich.“

Für die Ganztagsschule
Dies leistet ihrer Meinung nach am besten die Ganztagsschule, für die sie viele erst noch begeistern muss. „Einige Eltern im Kiez haben zwar Angst vor unserer Ganztagsschule, aber in Einzelgesprächen sagen wir ihnen, dass ihr Kind nur mit guten deutschen Sprachkenntnissen Bildungschancen erhält.“ Die Carl-Kraemer-Grundschule hat sich frühzeitig um Fördermittel des Bundes beworben und ist bereits seit vergangenem Jahr eine gebundene Ganztagsschule. Bis 16 Uhr gehen dort alle Kinder zur Schule, wobei der Unterricht über den ganzen Tag verteilt und mit Sport und Freizeitaktivitäten vermischt wird.

Mit Kreativität gegen Gewalt
Die Andersen-Schule ist mit 400 Schülern relativ klein und überschaubar. „Darum wird Gewalt schnell registriert und bekämpft“, erklärt Direktor Klaus-Dieter Lambrecht. So genannte Konfliktlotsen – zu Mediatoren ausgebildete Schüler – gibt es inzwischen an allen drei Schulen im Kiez. Die Carl-Kraemer-Schule wie auch die Wilhelm-Hauff-Grundschule legen zudem Wert auf kunstorientierten Unterricht. Marichen Aden, Direktorin der Wilhelm-Hauff-Schule, erklärt das Konzept: „Kunstorientierung vermittelt Erfolge. Dies eröffnet den Kindern den Zugang zur Sprache.“

Sprachförderung am wichtigsten
Sprachförderung ist in allen drei Schulen das wichtigste Anliegen, auch wenn dies auf unterschiedliche Weise erreicht wird. In der Andersen-Grundschule betont der Direktor einen räumlichen Vorteil: Der Hort ist im gleichen Gebäudekomplex untergebracht, so dass die Horterzieherinnen in den Vormittagsunterricht der Halbtagsschule eingebunden werden können. „Acht bis neun Erzieher werden die Lehrer unterstützen“, sagt Lambrecht. „Sie fördern nachmittags die Kinder mit sprachlichen Defiziten.“ Immerhin 80 bis 90 Prozent der Schüler besuchen den Hort. Zusätzlich gibt es noch die „Schulinsel“, ein Blockhaus im Innenhof, das für Hausaufgabenbetreuung genutzt wird. Die Lage im „Problemkiez“ ermöglicht den Schulen zudem eine niedrigere Klassenstärke von nur zwanzig Kindern.

Eltern in die Pflicht nehmen
Die Beherrschung der deutschen Sprache ist jedoch nicht der einzige Knackpunkt für Direktorin Frank-Schild. „Wichtig für mich ist, ob die Schule sauber ist, ob die Kinder freundlich sind, welche Umgangsformen herrschen“, erklärt sie. Doch das kann die Schule nicht allein leisten. Darum wird an der Andersen-Schule geplant und an der Wilhelm-Hauff-Schule bereits praktiziert, dass ein Bildungsvertrag abgeschlossen wird – zwischen Eltern und der Schule. „Schule und Umfeld müssen miteinander arbeiten“, sagt Direktorin Aden. – Für mehr Respekt und Toleranz, Weltoffenheit und Kontaktfreudigkeit.

Oase in schwieriger Umgebung
Der ganzheitliche Ansatz des Zusammenspiels zwischen familiärem und schulischem Umfeld ist den drei Grundschulen wichtig – gerade weil übereinstimmend alle Direktoren betonen, dass ihre Schüler die Schule als „Oase“ in ihrer oft konfliktreichen Umgebung empfinden. „Unsere Schule soll Verlässlichkeit vermitteln“ sagt Aden. Schule soll ein Ort sein, an dem sich die Kinder geborgen fühlen. Die Bedingungen zu guten Leistungen sind inzwischen an allen drei Schulen hervorragend: „Die Schwachen fördern und die Starken fordern“ umreißt Direktor Lambrecht das Erfolgsprinzip: allein seine Schule hat zahlreiche Deutsch-Wettbewerbe und die Mathematikolympiade gewonnen

Profile der Grundschulen im Kiez

Hans-Christian-Andersen-Schule: „verlässliche Halbtagsschule“ (verlässliche Betreuung von 7.30 – 13.30 Uhr) mit offenem Ganztagsbetrieb. Direktor: Klaus-Dieter Lambrecht. ca. 400 Schüler. Profil: Individualität wird erreicht durch „Fördern“ und „Fordern“, Betonung der Gewaltfreiheit, zahlreiche kreative Kurse und Gartenarbeit, monatliche Aufführungen der Schüler in der Aula (sportliche und kulturelle Veranstaltungen). Adresse: Kattegatstr. 26, Tel. 4936867

Carl-Kraemer-Schule: „Gebundene Ganztagsschule“ von 7.30 – 16.00 Uhr mit künstlerischem Schwerpunkt. Direktor: Christine Frank-Schild. 500 Schüler aus 23 Nationen. Konzept: Verbindung von Kiez, Künstlern und Schule. Fächerübergreifende Einbindung von künstlerischen Themen in den Unterricht. Gute Ausstattung mit Computern; Arbeit mit Neuen Medien in allen Klassenstufen. Adresse: Zechliner Str. 4, Tel. 4998993

Wilhelm-Hauff-Schule: „verlässliche Halbtagsschule“, dazu offener Ganztagsbetrieb in Kooperation mit dem freien Träger „Perlmut“ für den Hortbereich. Direktor: Marichen Aden. 600 Kinder aus 21 Nationen. Profil: sowohl Regelbetrieb mit Kunstorientierung als auch Montessori-Zug. Im Montessori-Zug werden Kinder jahrgangsübergreifend nach dem Motto „Hilf mir es selbst zu tun“ unterrichtet. Charakteristisch ist dabei die „Freiarbeit“ der Kinder, die selbst entscheiden, was sie lernen möchten. Adresse: Gotenburger Str. 8, Tel. 48490810 bzw. -11

Stand: 02.08.2005 Autor: Joachim Faust