Kinderspieleckenfreie Zone

Ich habe lange im Prenzlauer Berg gewohnt und lebe jetzt im Wedding. Es macht mir Spaß, regelmäßig in „meinem alten“ Bezirk zu sein und zu beobachten, wie sich dieser immer mehr verändert. Allerdings ist dies nicht mehr meine Welt, es scheint, als ob im P’Berg alles, was anders ist als die Mehrheit, an den Rand oder in andere Ortsteile vertrieben wird. Mittlerweile sind die meisten Bewohner selbst so einheitlich in ihrer scheinbaren Individualität, dass es eben den Abstand und den Blick von außen braucht, um das noch zu erkennen.

Ich habe gestern einem Freund geholfen, sein Ladengeschäft in einer Straße nahe des Wasserturms einzurichten. Er hat seine berufliche Existenz auf einen Kundentyp aufgebaut, der in dieser Gegend tatsächlich zahlreicher vertreten ist als woanders. Zuerst hat er überlegt, die in diesem Umfeld übliche Raumnutzung anzubieten, jetzt wo er über genügend Platz im Geschäft verfügt: aber ist es nicht geradezu revolutionär in dieser gar-nicht-mehr-so-originellen Gegend, eben keine Kinderspielecke und keinen Latte Macchiato anzubieten? Oder hängt der Geschäftserfolg mittlerweile davon ab, wie sehr man sich dem Mainstream des Prenzlauer Bergs anpasst?

Die Baugruppe

“Es wird sogar verschiedenfarbige Blumen im Garten geben”, sagt die beteiligte Architektin Antje Mehnert beim Richtfest. Die Zuhörer lachen. Die Blumen sind nur ein Beispiel für den langen Diskussionsprozess, den die Bauherren bei der Planung ihres Hauses durchlaufen haben. Der andere Architekt Stephan Thiele drückt es so aus: “Wir haben nicht ein Mehrfamilienhaus, sondern neun Einfamilienhäuser übereinander gebaut.” So individuell waren die Wünsche der neun an der Baugruppe beteiligten Familien, die auf der Baulücke Kopenhagener Straße 18 mitten im Prenzlauer Berg ihren Traum verwirklicht haben. Kein Grundriss gleicht dem anderen, jeder Bodenbelag und jede Fliese sind von jedem Eigentümer ausgewählt worden. “Uns war am wichtigsten, dass wir hier auch einen Garten haben werden”, sagt Tobias Jentsch. Schließlich werden in den zehn Wohnungen von Anfang an zwölf kleine Kinder leben, von denen das Jüngste sogar erst kurz vor dem Richtfest geboren ist. Jentsch verwirklicht aber auch ein anderes Anliegen, das eine andere Generation betrifft: seine Eltern, Ende sechzig, werden ebenfalls in dem Haus einziehen. Rüdiger Jentsch und seine Frau werden dafür ihr Eigenheim in Oldenburg aufgeben und mitten in die Großstadt Berlin ziehen. “Wir wollen von der kulturellen Vielfalt Berlins profitieren”, erklärt Jentsch senior, aber er freut sich auch auf die Gartenarbeit. Sein Sohn Tobias findet an der Vorstellung, mit seinen Eltern zusammenzuwohnen, nichts Besonderes: „Das war doch früher auch selbstverständlich.“

 

Dass auch zwei ältere Paare im Haus wohnen, war dem Mitinitiator der Baugruppe, Jens Kober wichtig. “Wir wollen mehrere Generationen im Haus haben”, erklärt der Mitarbeiter eines grünen Bundestagsabgeordneten. Selbstverständlich wurde der Bau als Niedrigenergiehaus ausgeführt, und auch Solaranlagen fehlen nicht. Auch ansonsten ist die Mischung der Hausbewohner typisch für das Stadtviertel, in dem das Haus entstanden ist: “Es wohnen eigentlich nur Akademiker hier”, stellt Kober fest. Das liegt sicher auch daran, dass die anderen Mitglieder der Baugruppe aus dem weiteren Freundes- und Bekanntenkreis rekrutiert wurden. Und architektonisch? “Es mussten strenge Vorgaben eingehalten werden, weil das Haus gegenüber dem denkmalgeschützten Umspannwerk gebaut wurde”, erklärt Architektin Mehnert. So musste auch auf die geplante Dachterrasse verzichtet werden: “Es soll hier im dicht bebauten Gleimviertel keinen Wildwuchs auf den Dächern geben”, sagt die Architektin, die mit Architekt Stephan Thiele selbst zur Baugruppe gehört.

Allen zukünftigen Bewohnern ist gemeinsam, dass sie die Vorteile der Stadt mit denen des individuellen Bauens verbinden wollten: auf der einen Seite die städtische Infrastruktur (200 Meter zur U- und S-Bahn), auf der anderen Seite eigene Träume realisieren zu können und einen Gemeinschaftsgarten zu haben: “Wir wollten einfach einen Ort, wo unsere Kinder unbeaufsichtigt spielen können und einmal nicht betreut sind”, erklärt Jens Kober seinen Traum. “Und gleichzeitig möchte ich auch keine langen Wege in Kauf nehmen, um auch mal ein Bier trinken zu können.”

Die im Kiez engagierten Bürger trauern einstweilen um die Pappel, die sich auf dem Baulückengrundstück früher befand: „Es ist schade um die kleine Stadtbrache, wo die Kinder spielen konnte“, sagte Jacqueline Röber vom Bürgerverein Gleimviertel. Zum Ausgleich hat die Baugruppe in ihrem Garten drei neun Meter hohe Bäume vorgesehen. Außerdem beteiligt sich die Baugruppe an einer Pflanzaktion für Straßenbäume im Viertel. “Wir sind Bürger und keine anonymen Investoren. Wir schließen letztendlich auch eine Baulücke.” erklärt Bauherr Tobias Jentsch. Hier zeigt sich, welche schöpferische Kraft entsteht, wenn ähnlich gelagerte Interessen Einzelner zusammenfinden.