Kunst statt Bad

Ob leer...

...oder auch mit künstlerischen Installationen: die Becken beeindrucken

Ein leeres Schwimmbecken ist schon ein sonderbarer Anblick. Was man sonst nur tastend mit den Zehen oder tauchend erahnen kann, ist hier freigelegt: eine große abschüssige Fläche, die an einer hohen Wand endet. Die Einstiege am Beckenrand sind nun die Leitern, über die man den Boden des Beckens erreicht, auf dem sich nun alles abspielt. Wer denkt bei Sofas und Liegestühlen auf dem Grund eines Schwimmbads nicht sofort an Octopussy’s Garden … ?

Kein Wunder, ist das im Jahr 2001 stillgelegte Stadtbad Wedding seit einiger Zeit beliebte Location für – im Wortsinn – schräge Partys. Doch auch Künstler entdecken den ungewöhnlichen Ort zunehmend als Rahmen für ihre Projekte. So beherbergt das große Becken zur Zeit eine Lichtinstallation von Nicolas Dussollier. Die Anordnung senkrechter Neonröhren am tiefen Beckenende wirkt bei Dunkelheit besonders eindrucksvoll. Bei Tag sorgen die großen Fensterflächen des Raumes für eine großartige Lichtsituation in der Halle, was zusammen mit der Großzügigkeit des Raums eine ideale Präsentation bildender Kunst ermöglicht. „Wir hatten schon einige internationale Kunstkritiker hier. Die waren alle sehr angetan“, sagt Jochen Küpper von der Firma KD, der in seiner Funktion als kultureller Organisator durch das Gebäude führte.
Unter dem Namen Stattbad Wedding versuchen er und seine Mitstreiter, das ausgediente Hallenbad als Kulturstandort zu etablieren. Ausstellungen, Konzerte, Lesungen, Kino – Ideen und Visionen sind zuhauf vorhanden und zum Teil auch schon erfolgreich umgesetzt worden. So fanden im Juli hier die „Urban Affairs“ statt, eine Ausstellung von Street Art und Urban Art, die innerhalb von 4 Wochen immerhin 8000 Besucher anzog. Im November veranstaltete das Stadtmagazin „Exberliner“ hier das „Save Berlin Fest 09“, auf dem drei Tage lang Ausstellungen, Filme und Performances zu sehen waren. Auf der großen Terrasse könnte sich ein Café ansiedeln, dahinter könnte möglicherweise ein Grundstück angekauft werden, das als Spielplatz oder Skulpturenpark bespielt werden könnte. „Kunst an der Wand haben wir hier ja schon. Auch eine Form von Street Art, allerdings nicht ganz die, die wir hier gerne hätten“, mein Küpper und deutet von der Terrasse aus auf die Graffiti an der Außenwand.

Der Chlorgeruch ist verschwunden, doch ansonsten verströmt das Gebäude noch überall den abgerissenen Charme eines ausgedienten öffentlichen Hallenbades. Hinweisschilder, Schließfächer, das Kassenhäuschen und nichts als Fliesen überall … Auf die Bemerkung einer Besucherin, ob dieser Zustand nicht gerade das Spannende an der Sache sei, meint Küpper: „Wir möchten schon vieles lassen, wie es ist. Das Ziel ist aber ein höherwertiger Standard.“ Von der geplanten Sanierung und dem Umbau werden wohl auch die schiefen Böden der Becken betroffen sein, die bisher leider nicht so viele Nutzungsmöglichkeiten erlauben, wie sie den Gestaltern dieser Räume vorschweben. Man darf gespannt sein, welche Wandlungen dem alten Bad noch bevorstehen.

Gastautorin:  Jutta Schierholz


War’s früher schöner?

Neulich im Stadtteilzentrum Pankow bei der Weihnachtsfeier von panke.info: Der Kneipier vom „Offside Wedding“ Lars Pechmann zeigt historische und aktuelle Fotos anhand eines Beamers. Er „führt“ die Besucher, die den warmen Raum nicht verlassen müssen, vom Humboldthain über den Bahnhof Gesundbrunnen mitten hinein in die Kieze des östlichen Weddings. Dabei werden räumliche und geschichtliche Zusammenhänge deutlich, die der Hobby-Heimatkundler sehr lebendig in eine Form zu packen weiß: der von ihm als Stilmittel eingesetzte ständige Vergleich von alten Fotos mit den heutigen Ansichten hat seinen ganz eigenen Reiz. Klar, man kennt viele der historischen Postkarten aus der „guten alten Zeit“. Doch wenn man sofort das heutige Bild dazu geliefert bekommt, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das Bild ganzer Straßenzüge in Gesundbrunnen arg ramponiert ist. Nicht (nur) aus sozialen Gründen, sondern besonders wegen der Zerstörung im Krieg (Himmelfahrtskirche) und nach dem Krieg (Kahlschlagsanierung). Ganz abgesehen von alten Glanzzeiten von Hertha BSC am alten Standort an der Plumpe, was Lars durch einen kurzen Strip untermalt – er trägt ein Hertha-Fanshirt mit der Aufschrift „Plumpe“. Wären sie heute doch noch an der Plumpe, mag man da einwerfen, wer weiß, vielleicht würden sie dann an alte glorreichere Zeiten anknüpfen?

Bei Interesse organisiert der Verein panke.info e.V. weitere Diavorträge mit Lars Pechmann. Auch in Lars‘ Bar „Offside Wedding“ in der Jülicher Straße 4 gibt es in unregelmäßigen Abständen weitere Vorträge.

Wedding Dress # 2, BerlinHaushoch #2

weddingdress.jpgDie Frage ist nicht, ob sich ein Spektakel wie WeddingDress#2 in einem Umfeld wie der Brunnenstraße durchführen lässt. Vielmehr ist es interessant, dass das Brunnenviertel nicht schon früher von den Trendsettern für hip erklärt wurde. Schließlich liegt es so nah an den Szenevierteln Mitte (alt) und Prenzlauer Berg, dass man es eigentlich nicht schafft, es dauerhaft zu umgehen. Auch die Mauergedenkstätte in der Bernauer Straße fehlt in keinem Stadtführer. Die 70er-Jahre-Architektur soll, so wünscht es der größte Vermieter des Viertels und ganz Berlins, die DEGEWO, bitteschön als „retro“ durchgehen. Fehlen halt nur noch die hippen Bewohner, die Ost-Plattenbauten ja auch schon in den Kultstatus erhoben haben. War der erste Wedding-Dress-Modewettbewerb im Jahr 2005 vielleicht ein gewagtes Unterfangen, bei der zweiten Auflage in diesem Jahr dürfte eigentlich nichts mehr schief gehen. Immerhin verfügt der Wedding jetzt über sein erstes Hochglanz-Magazin, die zweite Ausgabe von Berlin Haushoch. Die drei Mode- und Designstudentinnen haben für die erste Nummer (Thema: Marzahn) einige Preise eingeheimst, und auch die Wedding-Ausgabe sieht vielversprechend aus. Aber die Karawane zieht weiter: die nächste Berlin Haushoch-Ausgabe wird sich mit Charlottenburg beschäftigen.